Lexikon
Experimente zur Katalyse
Katalyse, Katalysatoren
(vergrößerte Abbildungen
und Filme nur CD-ROM)
Katalysen kommen in der Natur oft vor und
lassen sich auch an alltäglichen Phänomenen beobachten. Schneidet
man eine (unbehandelte) Birne oder einen Apfel auf, so färben sie
sich an der Luft schnell braun. Dabei wirken im Obst vorhandene Enzyme
als Biokatalysatoren, die in Verbindung mit dem Luftsauerstoff wirksam
werden und die Braunfärbung einleiten (>Versuchsbeschreibung).
links:
Birne direkt nach dem Aufschneiden, rechts: nach wenigen Minuten
Ein Katalysator ist ein Stoff, der eine
chemische Reaktion einleiten kann ohne dabei
selbst verbraucht zu werden. So lässt sich ein Würfelzucker nicht
ohne weiteres mit einem Streichholz anzünden. Benetzt man das Würfelzuckerstück
mit Zigarettenasche, brennt es nach einem erneuten Zündversuch mit
bläulicher Flamme. Hier wirkt die Asche als Katalysator (>Versuchsbeschreibung).
Ein bedeutender Katalysator in der Technik
ist das Edelmetall Platin: Wirft man in ein Knallgasgemisch aus Wasserstoff
und Sauerstoff Platinschwamm, zündet das Gemisch. Beim Abgaskatalysator
werden die Autoabgase mit Hilfe eines platin- und rhodiumbeschichteten
Keramikeinsatzes zu unschädlichen Stoffen umgewandelt. Somit leisten
Platin-Katalysatoren wirksame Beiträge zum Umweltschutz. In der chemischen
Industrie erleichtern Katalysatoren den Ablauf chemischer Reaktionen. Beispiele:
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Beim Haber-Bosch-Verfahren
ermöglicht ein Katalysator (ein Gemisch aus Aluminiumoxid und Eisenoxid)
die Reaktion von Stickstoff und Wasserstoff zu Ammoniak.
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Beim Ostwald-Verfahren
ermöglicht ein Platin-Rhodium-Katalysator die Herstellung von Salpetersäure.
-
Beim Doppelkontakt-Verfahren
ermöglicht ein Vanadiumoxid-Katalysator die Reaktion von Schwefeldioxid
zu Schwefeltrioxid und damit die großtechnische Herstellung von Schwefelsäure.
-
Bei der alkoholischen Gärung (siehe unter
Ethanol) wirken Hefepilze als katalytische
Enzyme, die Glucose zu Ethanol und Kohlenstoffdioxid umbauen.
-
Bei vielen organischen Reaktionen werden Katalysatoren
eingesetzt, z.B. bei der Fischer-Tropsch-Synthese,
bei der Herstellung von Ethylenoxid
oder von Polyethylen aus Ethen.
Den Begriff der
Autokatalyse (nicht zu verwechseln mit dem Katalysator-Begriff bei
den Kraftfahrzeugen!) verwendete erstmals Wilhelm Ostwald. Hierbei entsteht
der Katalysator erst während der Reaktion. Gibt
man Kupfer zu konzentrierter Salpetersäure, setzt die Reaktion zunächst
nur langsam ein. Die dabei gebildeten braunen Dämpfe der Stickoxide
wirken katalytisch und beschleunigen die Reaktion dann immer mehr. Andere
Beispiele für Autokatalyse stellen die oszillierenden Reaktionen dar
und erstaunlicherweise auch das Wachstum der Lebewesen.
Liegen die Reaktionspartner und der Katalysator
im gleichen Aggregatzustand vor, spricht man von einer homogenen Katalyse.
Die Estersynthese ist ein klassisches Beispiel dafür (>Schülerübung).
Bei unterschiedlich vorliegenden Aggregatzuständen von Katalysator
und den reagierenden Stoffen handelt es sich um eine heterogene Katalyse,
z.B. beim Abgaskatalysator oder
beim katalytischen Zerfall von Wasserstoffperoxid durch eine Platinmünze
(>Schülerübung).
Auf dem Foto ist zu erkennen, wie die Platinmünze die Sauerstoffentwicklung
beim Zerfall des Wasserstoffperoxids anregt und die Gold- und Kupfermünze
durch elektrochemische oder sogar durch autokatalytische Vorgänge
"ansteckt":
Münzen
in Wasserstoffperoxid
Die Wirkung eines Katalysators kann man
sich folgendermaßen vorstellen: Zwei Reaktionspartner ("System a",
z.B. Wasserstoffmoleküle und "System b", z.B. Sauerstoffmoleküle)
würden im atomaren Zustand eine chemische Reaktion eingehen. Es fehlt
zunächst jedoch die notwendige Aktivierungsenergie
zur Trennung der Bindungen. Fügt man einen Katalysator (z.B. Platin)
hinzu, werden die Bindungen in den jeweiligen Systemen "gelockert" oder
teilweise sogar aufgehoben und in einen Übergangszustand versetzt.
Eine
mit Platin beschichtete Tonerdekugel glüht im Wasserstoffstrom auf
So kann auch das Aufglühen von fein
verteiltem Platin in einem Wasserstoffstrom erklärt werden: Platin
kann Wasserstoff absorbieren. Dabei wird der molekulare Wasserstoff teilweise
in atomaren Wasserstoff umgewandelt und die chemische Reaktion eingeleitet.
An dem Prozess ist der Katalysator aktiv beteiligt, er geht mit den Systemen
Zwischenverbindungen ein, liegt aber am Ende der chemischen Reaktion wieder
unverändert vor. Die Aktivierungsenergie
einer katalytisch eingeleiteten Reaktion ist also immer niedriger als bei
einer nicht katalysierten Reaktion. Es steigt auch die Reaktionsgeschwindigkeit
bei chemischen Reaktionen.
Die Entstehung von Zwischenverbindungen
lässt sich auch als Kreisprozess formulieren. Dies kann an der Oxidation
von Schwefeldioxid zu Schwefeltrioxid bei der Schwefelsäureherstellung
nach dem Doppelkontaktverfahren besonders gut veranschaulicht werden.
In der klassischen Schreibweise wird die Reaktion mit einem Reaktionspfeil
dargestellt und die Verwendung eines Katalysators über den Pfeil geschrieben:
2 SO2 + O2
2 SO3 + Energie
Bei der Formulierung als Kreisreaktion
wird der Tausch der Sauerstoffatome mit dem Vanadiumpentoxid (V2O3)
einsichtig:
Derartige Kreisprozesse finden sich auch
bei der bodennahen Ozonbildung aus Stickoxiden und
bei der atmosphärischen Zerstörung der Ozonschicht.
Historische Entwicklung
der Grundlagen:
Das Wort Katalyse leitet sich vom griechischen
Wort katalysis ab und bedeutet so viel wie "Auflösung" oder
"Zersetzung". Die Sumerer benutzten schon vor über 3000 Jahren Fermente
bei der Bierherstellung. Die Techniken der alkoholischen Gärung und
der Essigsäureherstellung waren bereits in der Antike bekannt.
Im Jahre 1742 beobachtete der schwedische
Chemiker Carl Wilhelm Scheele (1742-1786)
bei der Verseifung und Esterbildung durch Mineralsäuren eine Beschleunigung
der Reaktion durch katalytische Effekte. 1781 entdeckte Parmentier die
Spaltung von Stärke durch Mineralsäuren in Traubenzucker. Joseph
Priestley (1733-1804) beschrieb im Jahre 1783 ein Experiment, bei dem
er Weingeistdämpfe durch eine erhitztes Pfeifenrohr leitete und danach
ein mit weißgelber Flamme brennendes Gas erhielt. Damit gelang ihm
erstmals eine katalytische Dehydratisierung von Ethanol zu Ethen. Den (katalytischen)
Zerfall von Wasserstoffperoxid und Ammoniak an Festkörpern beschrieb
L.J. Thénard (1777-1857) in den Jahren 1813-1818.
Im Jahre 1815 entwickelte der englische
Chemiker Humphry Davy (1778-1829)
eine Grubenlampe, die mit Benzin betrieben wurde. Die Flamme war von einem
Drahtnetz umgeben. Dadurch wurde die Energie an das Drahtnetz abgegeben.
Trat über dem Benzinflämmchen ein leicht bläulicher Saum
auf, war der Bergmann gewarnt. Dann bestand die Gefahr einer Methangasexplosion
("schlagendes Wetter"). Die Benzinflamme konnte das Methangas nicht entzünden,
da außerhalb des Drahtnetzes die Entzündungstemperatur des Methangases
nicht erreicht wurde.
Zwei Jahre später veröffentlichte
Davy eine Arbeit, in der er über die Oxidation von Grubengasen in
Anwesenheit glühender Platindrähte schrieb. Sein Vetter E. Davy
berichtete im gleichen Jahr über die Entzündung von Alkoholdämpfen
an fein verteiltem Platin (>Versuchsbeschreibung).
Aus dieser Entdeckung wurde "Davys Nachtlampe" entwickelt, bei der Platinschwamm
oder -draht über einem Spiritusbrenner befestigt war. Der heiße
Draht glüht in den Alkoholdämpfen auch nach dem Erlöschen
der Flamme weiter:
J.W. Döbereiner (1780-1849) wies
im Jahre 1823 die Oxidation von Alkoholen an Platinschwamm nach. Er löste
Platin in Königswasser auf und erhielt
Hexachloroplatinsäure (>Film).
Durch die Zugabe von Ammoniumchlorid entstand unlösliches Platinsalmiak
(Ammoniumhexachloroplatinat), das sich beim Glühen in schwammförmiges
Platin umwandelte. Mit diesem Platin konnte er ein Knallgas-Gemisch aus
Wasserstoff und Sauerstoff
entzünden. Aus dieser Entdeckung entwickelte Döbereiner sein
berühmtes "Döbereinersches Feuerzeug". Das Feuerzeug bestand
aus einem Glasgefäß, das mit Salzsäure
gefüllt war. Wurde ein Zinkstab in die Säure
getaucht, entstand Wasserstoff, der beim Entweichen
des Gefäßes einen Platinschwamm zum Glühen brachte und
sich dadurch entzündete. Auch wenn gelegentlich ein Feuerzeug explodierte,
war es besonders bei der adligen Gesellschaft sehr beliebt.
Döbereiner's
Feuerzeug
J.W. Döbereiner beschrieb sein Feuerzeug
im Jahre 1823 in seiner Arbeit "Über neu entdeckte höchst merkwürdige
Eigenschaften des Platins":
"Die in den vorletzten
Experimenten sich darstellende feuererregende Tätigkeit des mit Knallgas
in Berührung gesetzten Platins brachte mich auf den Gedanken, dieselbe
zur Darstellung einer neuen Art von Feuerzeugen, Nachtlampen u.s.w. zu
benutzen.
Ich stellte eine zahlreiche
Menge von Versuchen an, um die Bedingungen auszumitteln, unter welchen
das Glühendwerden des Platins mit dem kleinsten Aufwande von Wasserstoffgas
erfolgt, und fand endlich, dass das gewünschte Phänomen im höchsten
Glanze hervortritt, wenn man das Wasserstoffgas aus einem Gasreservoir
(...) durch ein nach unten gebogenes Haarröhrchen von Glas auf den
schwammigen Platinstaub, welcher in einem Uhrglase oder in einem nahe am
spitzen Ende zugeschmolzenen Glastrichterchen enthalten ist, ausströmen
lässt, und zwar so, das der Strom desselben sich vor der Berührung
des Platins mit atmosphärischer Luft mischt (welches geschieht, wenn
man das äußerste Ende des Haarröhrchens 1, 1 1/2 bis 2
Zoll hoch von dem Platin entfernt steht). Der Platinstaub wird dann fast
augenblicklich rot- dann weißglühend, und bleibt dies so lange,
als Wasserstoffgas ausströmt. Ist der Gasstrom stark, so entflammt
das Wasserstoffgas."
In der Folgezeit wurden katalytische Reaktionen
von anderen Chemikern genauer untersucht. Das erste Patent für die
Oxidation von Schwefeldioxid mit Hilfe
von glühendem Platin meldete P. Phillips
jr. im Jahre 1831 an. Während E. Mitscherlich (1794-1863) zunächst
von "Kontakt-Reaktionen" sprach, führte der schwedische Chemiker Jöns
Jakob Berzelius (1779-1848) für diese Reaktionen im Jahre 1836
den Begriff "Katalysis" ein. Er erkannte, dass immer ein zusätzlicher
Stoff im Reaktionsgemisch vorhanden sein musste:
 |
"Die katalytische Kraft
scheint eigentlich darin zu bestehen, dass Körper durch ihre bloße
Gegenwart, nicht durch ihre Verwandtschaft, die bei dieser Temperatur schlummernden
Reaktionseigenschaften zu erwecken vermögen..."
J.J. Berzelius im Jahre 1836 |
M. Berthelot (1827-1917) vermutete im
Jahre 1875 erstmals das Auftreten von Zwischenverbindungen bei katalytischen
Reaktionen. Den bis heute vielfach verwendeten Katalysatorbegriff führte
der deutsche Chemiker Wilhelm Ostwald
(1853-1932) in den Jahren 1894 und 1901ein:
 |
"Katalyse ist die Beschleunigung
eines langsam verlaufenden chemischen Vorgangs durch die Gegenwart eines
fremden Stoffes" (1894).
"Ein Katalysator ist jeder Stoff, der,
ohne im Endprodukt einer chemischen Reaktion zu erscheinen, ihre Geschwindigkeit
verändert. (1901)"
Wilhelm Ostwald |
Für seine Arbeiten zur Katalyse erhielt
Ostwald im Jahre 1909 den Nobelpreis für Chemie. Ostwalds Arbeiten
stellten auch die Grundlage für das im Jahre 1909 entwickelte Verfahren
zur Ammoniaksynthese durch Fritz
Haber (1868-1934) und Carl Bosch (1874-1940) an der BASF Ludwigshafen
dar.
Literatur:
-
Klaus Beneke: Zur Geschichte der Grenzflächenerscheinungen,
Verlag Reinhard Knof, 1994
-
Prof. Blumes Chemie-Homepage der Universität
Bielefeld: Katalysatoren
und Enzyme
-
Didaktik der Chemie an der Universität
Bayreuth: Prinzipien
der Katalyse
-
Fonds der chemischen Industrie: Katalyse,
Folienserie für den Unterricht, 1996