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Leben und Werk: Fritz Haber wurde als Sohn eines jüdischen Farbenhändlers am 9. Dezember 1868 in Breslau geboren. Drei Wochen nach der Geburt verstarb seine Mutter. Sein Vater kam darüber nie hinweg, es führte auch dazu, dass zwischen Vater und Sohn ein problematisches Verhältnis entstand. Während seiner Zeit am Gymnasium begann er im häuslichen Zimmer eigene Experimente durchzuführen. Nach einer Verpuffung verbot ihm sein Vater das Experimentieren zuhause, aber sein Onkel Hermann, der Wollhändler war, half ihm weiter und stellte ihm Räumlichkeiten zur Verfügung. Später soll Haber einmal dazu gesagt haben, dass "die Befähigung zum Chemiestudium mit der Zahl ramponierter Kleidungsstücke proportional" sei. Schon während der Schulzeit und zum Abitur 1886 war der Entschluss für ein Chemiestudium gereift. Sein Vater wollte dies aber nicht, er setzte zunächst durch, dass sein Sohn eine kaufmännische Ausbildung in Hamburg absolvierte. Mit Hilfe seines Onkels und seiner Stiefmutter gelang es ihm nach 2-3 Monaten, seinen Vater unzustimmen. So begann Fritz Haber 1886 mit dem Studium an der Friedrich-Wilhelm Universität in Berlin. Da ihm das Studium in Berlin nicht zusagte, wechselte er schon nach einem Semester nach Heidelberg. Dort lehrte Robert Bunsen (1811-1899). Der Erfinder des Bunsenbrenners war zwar äußerst penibel, aber seine Ausbildung legte einen Schwerpunkt auf das experimentelle, analytische Arbeiten, so dass Haber eine ausgezeichnete chemische Grundausbildung erhielt. Der Student besuchte auch die Vorlesungen des Mathematikers Leo Königsberger und ging in philohophische Veranstaltungen. Nach einem einjährigen Militärdienst promovierte Fritz Haber 1891 in Berlin. Sein Doktorvater war Carl Liebermann (1842-1914), der als erster die Alizarinsynthese entwickelt hatte. Nach dem Abschluss des Studiums bedrängte ihn erneut sein Vater, in verschiedenen Betrieben zu arbeiten, um das kaufmännische Grundzeug zur Führung des Familienbetriebs zu erwerben. Nach kurzen Gastspielen in verschiedenen Betrieben, darunter auch im Betrieb des Vaters, wandte sich Fritz jedoch wieder der Chemie zu: Ab 1892 arbeitete er an der Universität in Jena. 1894 erhielt er eine Assistentenstelle an der Technischen Universität in Karlsruhe. Über Carl Engler (1842-1925), der Professor an der Hochschule war, entstand der Kontakt zu der damals stark aufsteigenden Farbenindustrie und zur BASF. Als Assistent von Hans Bunte (1848-1925) führte Haber Untersuchungen über die Zersetzungsprodukte von Kohlenwasserstoffen durch. 1896 habilitierte er und zwei Jahre später erfolge die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Technische Chemie an der Universität Karlsruhe. Aus dieser Zeit stammt auch Habers erstes von der Fachwelt, u.a. auch von Wilhelm Ostwald beachtetes Forschungsergebnis, eine Arbeit über die elektrolytische Reduktion von Nitrobenzol. Während seiner Karlsruher Zeit beschäftigte er sich auch mit der Thermodynamik chemisch-technischer Gasreaktionen. Schon während des Militärdienstes hatte Fritz Haber die in der Nähe von Breslau geborene Clara Immerwahr kennengelernt. Clara war zu jener Zeit eine der ersten Frauen, die sich eine akademische Ausbildung mit Abitur, Chemiestudium und Doktortitel erkämpften. Am 3. August 1901 heirateten Fritz Haber und Clara Immerwahr. Doch die Liebe währte nur kurz, schon nach wenigen Jahren zeigte sich, dass Fritz das Privatleben dem Berufsleben unterordnete und Clara litt darunter in besonderem Maße. Ungünstig für sie war es auch, dass sie nach der Heirat ihre wissenschaftliche Karriere aufgab. Während einer Amerikareise im Jahre 1902 besichtigte Fritz Haber eine Industrieanlage in Niagara Falls zur Oxidation des Stickstoffs in einem Lichtbogen. Schon Priestley hatte vor mehr als 100 Jahren Stickstoff-Sauerstoffgemische mit elektrischen Funken behandelt und dabei festgestellt, dass eine Volumenänderung der Gase entsteht. Henry Cavendish (1731-1810) erkannte, dass aus den entstehenden Stickoxiden auch Salpetersäure hergestellt werden kann. Die im 19. Jahrhundert stark zunehmende Bevölkerungszahl erforderte eine Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge. Bei der Stickstoffaufnahme der Pflanzen wird der Luftstickstoff im Boden durch Knöllchenbakterien in Stickstoffverbindungen umgewandelt (> vgl. Stickstoffkreislauf). Die Umwandlung des Luftstickstoffs zu Stickstoffverbindungen mit Hilfe künstlicher Verfahren erweckte bei der chemischen Industrie Interesse. Dies bezog sich nicht nur auf die Herstellung von Salpetersäure. Am Ende des 19. Jahrhunderts diente das sogenannte Rothe-Frank-Caro-Verfahren zur industriellen Herstellung von Ammoniak. 1900 meldete Wilhelm Ostwald ein Patent zur "Herstellung von Ammoniak und Ammoniakverbindungen aus freiem Stickstoff und Wasserstoff" an. Im Labormaßstab gelang es ihm durch "geeignete Kontaktsubstanzen oder Katalysatoren bereits bei geringer Erhitzung auf 250 bis 300°C" Ammoniak herzustellen. In der gleichen Patentschrift empfahl er die Durchführung unter hohem Druck, "da die verhältnismäßige Menge des Ammoniaks im Gasgemisch mit steigendem Druck zunimmt". Da Ostwald das Patent für viel Geld an die chemische Industrie verkaufte, war es nicht mehr seine Aufgabe, aus dieser Entdeckung ein wirtschaftlich rentables, industrielles Verfahren zu entwickeln. Es war Ostwald, der mit seiner Arbeit über die Wirkung der Katalysatoren die Grundlage für das spätere Verfahren zur industriellen Herstellung von Ammoniak legte. Dafür erhielt er 1909 den Nobelpreis für Chemie. Die ersten Experimente an der BASF durch Carl Bosch schlugen fehl, vor allem die Verwendung von eisenhaltigen Katalysatoren bereitete erhebliche Probleme. Ab 1904 experimentierte Haber zusammen mit seinem Mitarbeiter G. van Oordt im Auftrag der BASF an dem zu diesem Zeitpunkt schon bekannten Ammoniakgleichgewicht. Henry Louis Le Châtelier (1850-1936) hatte schon 1901 in Paris die Gleichgewichtsreaktion des Ammoniaks untersucht, dabei aber eine Explosion verursacht. In einer der ersten Experimentalanordnungen leiteten Haber und Oordt das Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch bei etwas mehr als 1000°C über sehr reines Eisen. In einem zweiten Versuch leiteten sie Ammoniak durch die gleiche Apparatur. Durch eine analytische Bestimmung der Reaktionsprodukte konnten sie die Gleichgewichtskonstante des Ammoniakgleichgewichts annähernd bestimmen. Allerdings waren diese Ergebnisse zunächst eher entmutigend, da sich bei gewöhnlichem Druck nur wenig Ammoniak bildete. Außerdem war der Eisenkatalysator auch bei hohem Druck nicht wirksam genug. Nach einigen Korrekturberechnungen ergab sich, dass theoretisch bei 600°C und einem Druck von 200 Atmosphären genügend Ammoniak für eine großtechnische Produktion gewinnbar wäre. Dies erschien zunächst als schwierigeres Unternehmen, da bis dahin in der Industrie nicht mit einem Druck dieser Größenordnung gearbeitet wurde. Zusammen mit dem Ingenieur Le Rossignol baute Haber einen Kompressor, der einen solchen Druck erzeugen konnte. In dem Apparat zirkulierten die Gase unter andauerndem Druck. 1909 entdeckte Haber in dem Metall Osmium
einen hochwirksamen Katalysator, der
bei 550°C und bei 175 Atmosphären eine gute Ausbeute erzeugte.
Allerdings war schnell absehbar, dass die Osmiumvorräte der Welt nicht
ausreichen würden, daher mussten neue Möglichkeiten gefunden
werden. Dabei zeigte sich, dass auch Uran
geeignet war. Auch selbst wenn die Gefährlichkeit der radioaktiven
Strahlung damals nicht bekannt war: Uran war ebenfalls teuer. Nach anfänglicher
Geheimhaltung und der Anmeldung verschiedener Patente durch die BASF teilte
Haber 1910 in einem öffentlichen Vortrag mit, dass er das bisher für
unmöglich Gehaltene realisiert hatte: die Darstellung von Ammoniak
direkt aus den Elementen, vorbereitet zur technischen Nutzung.
1917 wurde erstmals der stark hautreizende Kampfstoff "Lost" eingesetzt. Diese ölige Flüssigkeit, die aufgrund von Verunreinigungen stark nach Senf oder Knoblauch riecht, ist ein starkes Zellgift. Sie dringt durch die Kleider in die Haut ein und führt zu großen Blasen und schweren Verstümmelungen oder zum Tod. Der gefürchtete Kampfstoff war auch unter dem Namen "Senfgas" bekannt. Granaten mit Lost waren mit einem gelben Kreuz gekennzeichnet (Gelbkreuzkampfstoffe):
Zur Überwindung der Gasmasken entwickelte man die Blaukreuzkampfstoffe. Die Reizstoffe gingen durch die Gasmaske, so dass sie die Soldaten abnehmen mussten und dann vor den anderen Kampfstoffen ungeschützt waren. Der Kampfstoff befand sich in der Blaukreuzgranate in kleinen Flaschen, die von einer Sprengladung umgeben war. Hierbei handelte es sich um chlor- und arsenhaltige Verbindungen, die starken Husten, Brechreiz und extreme Kopfschmerzen verursachen. Bei den Clark-Kampfstoffen sind zwei Benzolringe an ein Arsenatom angehängt, das mit einem Chloratom oder einer Cyanidgruppe verknüpft ist:
Am Ende des Weltkrieges waren zwischen 78000 und 91000 Gastote zu beklagen (nach neuen Schätzungen) und mehr als eine Million Vergiftete. Haber ging noch von 17700 Toten und knapp 500000 Vergifteten aus. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde Fritz Haber im Jahr 1919 der Nobelpreis für Chemie (rückwirkend für 1918) für die Entwicklung der Ammoniaksynthese verliehen. Bei der Entgegennahme ein Jahr später waren vor allem die Bürger in Frankreich und England empört, dass ausgerechnet Haber als Chef der Giftgasmaschinerie diesen Preis erhielt. Es setzte eine Diskussion ein, ob chemische Waffen mit dem Völkerrecht vereinbar seien. Zuvor war Haber kurzzeitig auf die Kriegsverbrecherliste gesetzt worden. Nach einer Anhörung wurde er jedoch entlastet, da die Schuld für die Entwicklung der Gaswaffen wohl auf beiden Kriegsseiten lag. Haber rechtfertigte sich damit, dass die Franzosen als erste Kampfstoffe in ihrer Munition eingesetzt hätten (weitere Entwicklungen siehe >Anmerkung). Ab 1919 musste Haber sein Kaiser-Wilhelm-Institut reorganisieren, in den 1920iger Jahren gelang ihm die Fortführung nur unter erheblichem finanziellen Druck. Trotzdem trieb er die deutsche Forschung voran, um ihr vor allem auch international wieder zur Bedeutung zu verhelfen. 1917 war noch während des Krieges
ein Technischer Ausschuss für Schädlingsbekämpfung gegründet
worden, dessen Vorsitz Haber übernahm. Nach Kriegsende entstand
daraus die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung.
Sie verfolgte vor allem den Zweck, Unterkünfte vor Wanzen und Läusen
oder Getreidesilos vor Mehlmotten zu schützen. Dabei setzte sie anfangs
Blausäure ein. Ab 1920 leitete
Walter Heerdt die Gesellschaft. Mit der Einführung des "Zyklon B"
durch Heerdt im Jahre 1926 stand ein wirksames Mittel zur Verfügung.
In einer Blechbüchse war die Blausäure mit Chlorkohlensäuremethylester
als stark riechender Warnstoff auf dem Trägerstoff Kieselgur fixiert.
Beim Verstreuen vergaste die Blausäure zusammen mit dem Warnstoff.
Es ist von besonderer Tragik, dass die Nationalsozialisten später
ausgerechnet dieses Gas für die Ermordung der Juden einsetzten, da
Fritz Haber selbst ja Jude war.
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T. Seilnacht
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