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Die Farbe Blau
gilt als Farbe des Himmels oder des Wassers. Das Blau des Wassers, als
Farbe der Tiefe, verkörpert das weibliche Prinzip. Das Himmelsblau
war früher mit dem Männlichen verbunden. Es ist die Farbe aller
Himmelsgötter und symbolisiert das Ferne, das Göttliche, das
"Geistige" (z. B. bei dem Maler Wassily Kandinsky). Diese Vorstellung fand
sich bereits bei den Ägyptern, spätere Kulturen übernahmen
sie. Der ägyptische Gott Amun wurde mit blauer Hautfarbe dargestellt.
Unbekannter Maler:
Verkündigung
an Maria, Eitempera, 1490
In dem mit Temperafarben gemalten Bild
eines unbekannten Meisters "Verkündigung an Maria" verbindet das Blau
im Mantel der Maria Himmel und Erde, Nähe und Ferne, sowie das Göttliche
mit dem Irdischen. Auf dem nebenstehenden Bild verkündet der Erzengel
Gabriel die Botschaft der Empfängnis, das Blau des Mantels kann in
diesem Zusammenhang auch als Symbol der Reinheit verstanden werden.
Noch heute gilt die Farbe Blau als Farbe
der Treue, denn Treue erweist sich erst aus der Sicht der Ferne, wenn Gelegenheit
zur Untreue gegeben ist. Blaue Blumen wie Vergissmeinnicht, Veilchen oder
Männertreu symbolisieren die Treue. Nach einem alten englischen Brauch
trägt die Braut blaue Schleifen in ihrem Hochzeitskleid und einen
blauen Saphir am Verlobungsring. Der Brautstrauß enthält winzige
Blüten von blauem Ehrenpreiß.
Die Geschichte der Farbe
Blau
1. Die Symbolik
der Farbe Blau im alten Ägypten
Im alten Ägypten wurden dem blauen
Lapislazuli lebensspendende Eigenschaften nachgesagt.
Die Mythologie berichtet im altägyptischen Totenbuch von Horus, dem
falkenähnlichen Sohn des Gottes Osiris, der das Böse vernichtet.
Er erscheint danach in Falkengestalt am Himmel und "sein Oberteil ist aus
blauem Stein". Die Ägypter erfanden auch das blaue Glas (Smalte),
welches zusammen mit dem Lapislazuli bei Statuen und Särgen der Pharaonen
zur Darstellung der Augen, Haaren und Kronen diente. Der wichtigste Fluss
Ägyptens, der Nil, wird auf altägyptischen Grabbildern ebenfalls
immer in blauer Farbe dargestellt. Blaue Nilpferde als Kunsthandwerk waren
als Symbol für den lebensspendenden Fluss sehr begehrt. In Gräbern
fanden sich unbekleidete, mit blauer Lasur überzogene Frauenfiguren,
die als Symbol der Schöpfung und als Erneuerung des Lebens verstanden
werden können.
In ägyptischen Tempelräumen
leuchten die Himmelsdarstellungen an den Decken intensiv blau und tragen
gelbe Sterne. Das Blau ist die Farbe des Kosmos, des Laufs der Sonne und
der Sterne am Firmament, welches am Rand mit dem Blau der Ozeane verschmilzt.
Sie ist die Farbe der Bildhintergründe in den Darstellungen der Königsgräber
im Tal der Könige. Das Kopftuch der Könige und die Königsinsignien
Krummstab und Wedel sind blau-gold gestreift. Der Schmuck des Tutanchamun
besteht aus Gold und Lapislazuli. In Ägypten galten die Pharaonen
als Söhne des Sonnengottes Rê, der die höchste Gottheit
verkörperte und mit der Farbe Gold in Verbindung gebracht wurde. Gold
galt wie Blau als Farbe des Göttlichen, die Goldmaske Tutanchamuns
ist aus 22karätigem Gold.
Die Ägypter sahen im tiefen Blau
des Wassers das Leben und im unermesslichen Blau des Himmels das Göttliche,
somit findet sich der Ursprung für die Symbolik der Farbe Blau bereits
im alten Ägypten (vgl. auch die ägyptische
Sonnenhymne). Die Farbe Blau ist jedoch älter als alle Weltreiche.
Von jeher erschienen der Himmel und damit die Ozeane blau. Die blaue Färbung
des Himmels kann durch eine Lichtstreuung
des Sonnenlichts an den Luftmolekülen und den Staubteilchen erklärt
werden. Die erste Farbe, die der Mensch in der Steinzeit bewusst wahrnahm
und mit Symbolwirkungen belegte, war jedoch die Farbe
Rot. Es ist möglich, dass die Farben Blau und Grün
erst im Laufe der jüngeren Menschheitsentwicklung von anderen Farben
unterschieden werden konnten.
2. Von
Blaufärbern, vom "Blaumachen" und von Teufelsfarben
Bis zum Aufkommen der synthetischen Farbstoffe
war die Farbe der Kleidung keine Frage des Geschmacks, sondern eine Frage
des Geldes. Im Gegensatz zu den anderen Farben wie Purpur
war Blau jedoch einfach zu färben. Der wichtigste Farbstoff zum Färben
war der aus Indien stammende Indigo oder der etwas
weniger intensiv färbende einheimische Färberwaid.
Zur Herstellung des Farbstoffes wurden die Blätter des Färberwaids
in Kübeln mit menschlichem Urin vergärt. Durch die Zugabe von
Alkohol wurde der Gärungsprozess verstärkt. Da Alkohol aber teuer
war, tranken die Färber viel Alkohol, der dann im Urin angereichert
war. Zum Färben der Stoffe wurden diese meist sonntags für mindestens
12 Stunden in das Färbebad eingetaucht. Die blaue Farbe auf den Textilstücken
ergab sich jedoch erst, wenn diese längere Zeit an die Luft gehängt
wurden. Immer wenn die Färbergesellen am Montag betrunken daneben
lagen, um auf das Ergebnis zu warten, wusste jeder, dass blau gefärbt
wurde, die Färber waren "blau" und machten "blau". Auch der Begriff
"blauer Montag" findet hier seinen Ursprung.
Durch das Finden des Seeweges nach Indien
im Jahre 1498 durch Vasco da Gama kam der indische Indigo nach Europa.
Zuerst wurde das Färben mit indischem Indigo zum Teil unter Androhung
der Todesstrafe verboten, da er die Existenz der einheimischen Bauern gefährdete.
Im Jahre 1654 erklärte ihn deshalb der deutsche Kaiser zur "Teufelsfarbe".
Zur Unterstützung der Bauern führte Kurfürst Friedrich Wilhelm
am Ende des 17. Jahrhunderts die preußischblau gefärbten Uniformen
ein. Das Blau der Uniformen wirkte außerdem ordentlich und seriös.
Im ersten Weltkrieg verschwand das Blau bei den deutschen, preußischen
Uniformen, es wurde durch Tarnfarben abgelöst.
Aufgrund der besseren Färbeeigenschaften
setzte sich der indische Indigo allmählich durch und wurde 1737 legalisiert.
Aus der "Teufelsfarbe" wurde der "König der Farbstoffe". Ab 1897 löste
der durch Adolf Baeyer erfundene synthetische Indigo den natürlichen
Indigo ab. Während im Mittelalter die Farbe Rot
die Farbe der Adligen war, war das matte Blau des Färberwaids die
Farbe der Dienstboten und der niederen Stände. Die mit dem aus Asien
stammenden Indigo leuchtend blau gefärbten Gewänder waren anfangs
hauptsächlich der Gesellschaft der französischen Königshöfe
vorbehalten. Mit dem Import des indischen Indigos wurde der leuchtend blaue
Farbstoff jedoch auch zum Blaufärben von Arbeitskleidung ("blauer
Anton") benutzt. Noch heute werden die Blue
Jeans, die ursprünglich als Arbeitshose für die Goldgräber
in Kalifornien erfunden wurde, mit Indigo gefärbt.
3.
Die blaue Blume in der Romantik
Die blaue Blume ist ein beliebtes Motiv
in der Dichtung der Romantik. In dem 1802 von Novalis erschienenen Romanfragment
"Heinrich von Ofterdingen" träumt der Held von einer blauen Blume,
die ihn mit einer großen Sehnsucht erfüllt:
"Eine Art von süßem
Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte,
und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weiten
Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinaus quoll und sich darin
zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in
einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder
als gewöhnlich, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was
ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst
an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern
berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen
Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah
nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.
Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen
und sich zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender
und schmiegten sich an den wachsenden Stengel; die Blume neigte sich nach
ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen, ausgebreiteten
Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte."
Angeregt und beunruhigt durch diesen Traum
macht sich Heinrich auf in die Welt, um die Ursprünge seiner Sehnsucht
zu suchen. Auf seiner Reise in die Ferne blickt er auf einer Anhöhe
gleichzeitig zum Ziel seiner Reise und zurück in seine Heimat:
"Er sah sich an der Schwelle
der Ferne, in der er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die
er sich mit sonderbaren Farben ausgemalt hatte. Er war im Begriff, sich
in ihre blaue Flut zu tauchen. Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah
nach Thüringen, welches er jetzt hinter sich ließ mit der seltsamen
Ahndung hinüber, als werde er nach langen Wanderungen von der Weltgegend
her, nach welche sie jetzt reisten, in sein Vaterland zurückkommen,
und als reise er daher diesem eigentlich zu."
Die blaue Blume ist somit Symbol des Aufbruchs
zur Erfüllung von Sehnsüchten und aber auch Symbol des Findens
des eigenen, persönlichen Glücks und Lebenssinnes. Der gleichzeitige
Blick nach vorne und zurück ermöglicht dem Betrachter geistige
Reflexion über das Vergangene im Hinblick auf die Zukunft. In Augsburg
begegnet Heinrich Mathilde und entdeckt beim Anblick ihres Gesichts einen
Zusammenhang mit seinem Traum:
"Ist mir nicht zumute
wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare
Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das
aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht..."
In Mathildes Gesicht entdeckt Heinrich
das Seelenbild eines Menschen, das er schon immer zu lieben glaubte. Die
Verbindung zwischen der Symbolik der blauen Blume und Mathildes Gesicht
kann auch als die Sehnsucht nach Einigkeit und Verbundenheit mit der Natur
verstanden werden. Mathilde stirbt, doch Heinrich bleibt sich über
den Tod hinaus seiner Liebe und damit seiner Sehnsüchte treu.
Die poetische Farbsymbolik der Farbe Blau
bei Novalis wird vom Leser intuitiv wahrgenommen und kann auch anhand der
modernen Erkenntnisse aus der Farbenpsychologie verstanden werden. Das
Denken an die Farbe löst eine sehnsüchtige, träumerische
Stimmung aus und erzeugt gleichzeitig Geborgenheit und Ruhe (vgl. auch
das Gedicht von Hermann Allmers "Ich ruhe still im
hohen grünen Gras...").
Das Gedicht mit dem einfachen Titel "Gedicht"
von Rolf-Dieter Brinkmann bricht bewusst mit der Tradition der blauen Blume,
die das Finden des eigenen Ichs im Antlitz eines gegenüberstehenden
Gesichts (blaue Blume, geliebte Person) symbolisierte. Die im Gedicht beschriebene
Landschaft ist durch den Menschen weitgehend zerstört. Der Schluss
"Ich gehe in ein anderes Blau" verdeutlicht die Haltung des heutigen Menschen:
Statt Einheit mit der Natur zu suchen, zerstört er sie und er weiß,
dass er es tut.
4.
Wassily Kandinsky, Franz Marc und der Blaue Reiter
Der expressionistische Maler Wassily Kandinsky
schrieb 1910 in seinem berühmten Buch "Über das Geistige in der
Kunst":
"Die Neigung des Blaus
zur Vertiefung ist so groß, dass es gerade in tieferen Tönen
intensiver wird und charakteristischer innerlich wirkt. Je tiefer das Blau
wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die
Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem." (Kandinsky,
S. 92)
Im Jahre 1912 gaben die Maler Franz
Marc und Wassily Kandinsky einen Almanach heraus, den sie "Blauer
Reiter" nannten. Dem Buch gingen zwei Kunstausstellungen voran, der
Name bezeichnete die berühmte Münchener Künstlervereinigung.
Beide Maler liebten die Farbe Blau und Pferde. Berühmt geworden sind
die blauen Pferde von Franz Marc. Bei der blauen Blume der Romantik erkannte
der Mensch in der Natur sein eigenes Antlitz. Marc ging mit seinen blauen
Pferden jedoch wesentlich weiter:
"Wir werden nicht mehr
den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen oder scheinen, sondern
wie sie wirklich sind, wie sich der Wald oder das Pferd selbst fühlen,
ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein lebt, den wir nur sehen... Wir
müssen von nun an lernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu beziehen
und unsere Beziehung zu ihnen in der Kunst darstellen." (Marc 1912/13 in
Partsch 1993)
Marc gab mit seinen blauen Pferden und
den anderen Tierdarstellungen den Geschöpfen der Natur die Seele zurück,
wie sie sie in den Höhlenmalereien noch
hatten. Im träumenden Pferd von 1913 knüpfte
Marc an die Nähe der Farbe Blau zu den Träumen an. Bei Marc waren
es die Pferde, die Sehnsüchte hatten. Er selbst hatte eine innige
Beziehung zu den Tieren, die "alles Gute" in ihm "erklingen" ließen.
5. Die Wirkung
der Farbe Blau
Blau versetzt in einen Zustand des Träumens,
die Farbe stimmt sehnsüchtig, sie wirkt beruhigend und führt
zu einer ernsthaften Sicht der Dinge nach innen. Diese Funktion erfüllen
auch die blaumonochromen Bilder von Yves Klein. Die Farbe Blau gilt als
Farbe des Gemüts und stimmt positiv. Aus diesem Grunde sind unangenehme
Dinge wie Strafzettel, Einzelfahrscheine oder "blaue Briefe", welche die
Nichtversetzung eines Schülers in die nächste Klassenstufe ankündigen,
blau gefärbt. Das Blau bewirkt, dass die Botschaften leichter angenommen
werden.
Blau ist neben Rot
bei den Deutschen die beliebteste Farbe. Daraus (und aufgrund ihrer positiv
stimmenden Wirkung) ergibt sich wohl auch ihre häufige Verwendung
in der Werbung. Viele Unternehmen benutzen die Farbe in ihrem Firmensignet
(z.B. Aral, Deutsche Bank, Levis, Nivea). Waschmittelfirmen suggerieren
mit dem Blau Sauberkeit und Frische für weiße Wäsche, Getränkefirmen
setzen die "blaue Wirkung" der erquickenden Flüssigkeiten ein, um
Kühle und Leichtigkeit zu vermitteln. Das Blau des Weichspülers
"Lenor" oder der Tempotaschentücher soll die "Softwirkung" der Produkte
hervorheben.