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und Merkmale des Expressionismus (diese Seite)
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Bildbeschreibungen: Franz Marc, August
Macke
Der Expressionismus als Kunstrichtung
entstand etwa ab dem Jahre 1910. Vereinfacht kann diese Stilrichtung als
Kunst des gesteigerten Ausdrucks (von lat. expressio "Ausdruck") verstanden
werden. Im Gegensatz zum Impressionismus, der
nur flüchtige und oberflächliche Augenblicke darzustellen versuchte,
will der Expressionismus den Betrachter emotional ansprechen und ihn innerlich
erschüttern. Als Vorläufer gelten Vincent
van Gogh (1853-1890) und Edvard Munch (1863-1949). Die Bilder der Wirklichkeit
werden oft verzerrt als Abstraktion und mit kräftigen Farben dargestellt.
Franz Marc (1880-1916):
Tierschicksale, 1913
Das Bild "Tierschicksale" von Franz Marc
zeigt eine Landschaft mit Tieren, deren Umrisse sich aus abstrakten und
geometrischen Formen zusammensetzen. Es scheint, als ob sich die Tiere
mit aller Macht gegen etwas aufbäumen, was ihnen jemand angetan hat.
Vielleicht ist der Mensch die Ursache für ihre Situation?
Die
Geschichte des Expressionismus, Kapitel eins: Der Fauvismus
Im Herbst 1905 zeigten an der berühmten
und jährlich stattfindenden Kunstausstellung im Pariser "Salon" junge
Maler neue Bilder, die die Öffentlichkeit genauso schockierten wie
die der ersten Impressionisten-Ausstellung im Jahre 1874. Ein Kritiker
bezeichnete die Künstler als "les fauves ("die wilden Tiere"), da
sie grelle, schreiende und für das Publikum ungewohnte Farben einsetzten,
die französischen "Fauvisten" hatten ihren Namen. Sie lehnten den
Impressionismus ab und verstärkten die Ausdrucksmittel von Malern
wie Vincent van Gogh (1853-1890) oder Paul Gauguin
(1848-1903) in hohem Maße. Sie verwendeten schrille und unrealistische
Farben, Häuser erschienen plötzlich in sattem Grün und Bäume
in flammenden Rot. Der Fauvismus war eine Auflehnung gegen etablierte Kunstvorstellungen.
Wichtige Vertreter waren: Henri Matisse (1869-1954), André Derain
(1880-1954) und Georges Rouault (1871- 1958). Die Fauvisten entdeckten
auch die Formen der afrikanischen Plastiken und Masken, welche sie in ihren
Gemälden einarbeiteten, z. B. bei Amedeo Modigliani (1864-1920).
Kapitel
zwei: Die Brücke
In Deutschland schloss sich ebenfalls
im Jahre 1905 in Dresden eine Gruppe von Architekturstudenten zur Künstlergemeinschaft
"Die Brücke" zusammen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten
Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Karl Schmitt-Rottluff (1884-1976), Erich
Heckel (1883-1970) und Fritz Bleyl. Später gehörten der Gruppe
auch Otto Mueller (1874-1930), Max Pechstein (1881-1955) und kurzzeitig
Emil Nolde (1867-1956) an. Wie die Fauvisten lehnten die Brücke-Maler
die etablierten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ab und stellten - beeinflusst
durch den norwegischen Maler Edvard Munch (1863-1949) - neben Schönem
auch Hässliches, neben Liebe Hass, neben Leben Tod dar (siehe E. Munch
"Der Schrei", 1893).
Bei Kirchner sind die Formen stark vereinfacht,
sie schildern das hektische Leben in der Großstadt oder stellen in
bizarren Farben das Hochgebirge dar.
"Immer war mein Ziel:
einfache große Formen und klare Farben, mit diesen beiden Mitteln
das Empfinden geben, das Erlebnis (...) Geben wollte ich den Reichtum,
die Freude des Lebens, wollte die Menschen malen in ihrer Tätigkeit,
in ihren Festen, in ihren Empfindungen zueinander und miteinander. Die
Liebe gestalten wie den Hass." (L. Kirchner, entnommen aus: H. Richter,
1997, S. 21 f.)
Emil Nolde und Max Pechstein reisten nach
Neuguinea, während Otto Mueller an Zigeunermotiven Gefallen fand.
Schon die Fauvisten waren durch die Kunst der Naturvölker beeinflusst
worden, z. B. Paul Gauguin mit seinen Südseebildern. Kirchner entdeckte
im Berliner Völkerkundemuseum die afrikanische und ozeanische Kunst,
die sich in seinen Holzschnitten wiederfand. Im Jahre 1913 wurde die Brücke-Vereinigung
aufgrund von Meinungsverschiedenheiten der Künstler aufgelöst.
Kapitel
drei: Der Blaue Reiter
Im März 1909 gründete sich die
"Neue Künstlervereinigung München" mit dem vorrangigen Ziel,
Kunstausstellungen zu organisieren. Erster Vorsitzender war der Russe Wassily
Kandinsky (1866-1944) und zweiter Vorsitzender sein Landsmann Alexej von
Jawlensky (1864-1941). Im Jahre 1911 kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten
über künstlerische Auffassungen - für manche waren die Bilder
Kandinskys zu abstrakt. Daraufhin erklärten Kandinsky und Marc ihren
Austritt. Sie schlossen sich zu einer neuen Künstlergruppe zusammen,
die sie "Der Blaue Reiter" nannten.
"Den Namen 'Der Blaue
Reiter' erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf.
Beide liebten wir Blau, Marc - Pferde, ich - Reiter. So kam der Name von
selbst." (W. Kandinsky, in: H. Richter 1977, S. 27)
Nur kurze Zeit später präsentierten
sie in der Münchener Galerie Thannhauser eine eigene Ausstellung,
auf der u. a. Bilder von Wassily Kandinsky, Franz Marc
(1880-1916), August Macke (1887-1914), Gabriele
Münter (1877-1962) und Henri Rousseau (1844-1910) zu sehen waren.
Eine zweite Ausstellung fand im März 1912 in der Münchener Kunsthandlung
Goltz statt, an der auch Paul Klee (1879-1940) teilnahm. Im Mai des selben
Jahres erschien der Almanach "Der Blaue Reiter" als Programmschrift, in
dem aktuelle Beiträge zur Kunst, Musik und Literatur erschienen.
Während die Maler der "Brücke"
noch am "Stofflichen" und den dinglichen Gegenständen festhielten,
wandten sich die Maler des "Blauen Reiters" dem Geistigen zu. Sie sprachen
das innere Gefühlsleben an und versuchten beim Betrachter geistige
Prozesse in Gang zu bringen. Sie wählten nicht Farbdissonanzen, sondern
liebten eher Farbharmonien. Franz Marc versuchte, mit seinen blauen Pferden
eine Beziehung zu den Träumen und den Sehnsüchten herzustellen
und assoziierte damit beim Betrachter eine geistige Beziehung zu den inneren
Prozessen der Natur.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Kunsttheorien
des "Blauen Reiters" hatte das 1910 erschienene Buch Kandinskys "Über
das Geistige in der Kunst" (siehe Lit.). Den
Maler verband eine große geistige Nähe und später auch
eine Freundschaft zu dem Komponisten Arnold Schönberg. Er versuchte,
eine enge Beziehung zwischen der Malerei und der Musik herzustellen. So
wurde er immer wieder durch Konzerte des Komponisten zum Malen seiner drei
Gruppen von Bildern angeregt: Die "Impressionen" als äußerer
Eindruck von der Natur, die "Improvisationen" als Ausdruck spontaner, innerer
Regungen und die "Kompositionen", die nach einem langen inneren Prozess
des Schauens entstehen . In dem Kapitel "Wirkung der Farbe" begründete
er die Notwendigkeit des geistigen Elementes in der Kunst:
"Wenn man die Augen über
eine mit Farben besetzte Palette gleiten lässt, so entstehen zwei
Hauptresultate:
1. Es kommt eine rein
physische Wirkung zustande, d.h. das Auge selbst wird durch Schönheit
und andere Eigenschaften der Farbe bezaubert. Der Schauende empfindet ein
Gefühl von Befriedigung, Freude, wie ein Gastronom, wenn er einen
Leckerbissen im Munde hat. Oder es wird das Auge gereizt, wie der Gaumen
von einer pikanten Speise (...)
Nur die gewohnten Gegenstände
wirken bei einem mittelmäßig empfindlichen Menschen ganz oberflächlich.
Die aber, die uns zum ersten Mal begegnen, üben sofort einen seelischen
Eindruck auf uns aus. So empfindet die Welt das Kind, welchem jeder Gegenstand
neu ist. Es sieht das Licht, wird dadurch angezogen, will es fassen, verbrennt
sich den Finger und bekommt Angst und Respekt vor der Flamme. Dann lernt
es, dass das Licht außer feindlichen Seiten auch freundliche hat,
dass es die Dunkelheit verscheucht, den Tag verlängert, dass es wärmen,
kochen und lustiges Schauspiel bieten kann. Nach der Sammlung dieser Erfahrungen
ist die Bekanntschaft mit dem Lichte gemacht, und die Kenntnisse über
dasselbe werden im Gehirn aufgespeichert. Das stark intensive Interesse
verschwindet, und die Eigenschaft der Flamme, ein
Schauspiel zu bieten, kämpft mit voller Gleichgültigkeit gegen
sie. Allmählich wird auf diesem Wege die Welt entzaubert. Man weiß,
dass Bäume Schatten geben, dass Pferde schnell laufen können
und Automobile noch schneller, dass Hunde beißen, dass der Mond weit
ist, dass der Mensch im Spiegel kein echter ist.
Und nur bei einer höheren
Entwicklung des Menschen erweitert sich immer der Kreis derjenigen Eigenschaften,
welche verschiedene Gegenstände und Wesen in sich einschließen.
Bei hoher Entwicklung bekommen diese Gegenstände und Wesen inneren
Wert und schließlich inneren Klang. Ebenso ist es mit der Farbe,
die bei niedrigem Stand der seelischen Empfindsamkeit nur eine oberflächliche
Wirkung verursachen kann, eine Wirkung, die bald nach beendigtem Reiz verschwindet.
Aber auch in diesem Zustand ist diese einfachste Wirkung verschiedener
Art. Das Auge wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen
und noch mehr und noch stärker von den helleren, wärmeren: Zinnoberrot
zieht an und reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig
angesehen wird. Das grelle Zitronengelb tut dem Auge nach längerer
Zeit weh, wie dem Ohr eine hochklingende Trompete. Das Auge wird unruhig,
hält den Anblick nicht lange aus und sucht Vertiefung und Ruhe in
Blau oder Grün. Bei höherer Entwicklung aber entspringt dieser
elementaren Wirkung eine tiefergehende, die eine Gemütserschütterung
verursacht. In diesem Falle ist
2. das zweite Hauptresultat
des Beobachtens der Farbe vorhanden, d. h. die psychische Wirkung derselben.
Hier kommt die psychische Kraft der Farbe zutage, welche eine seelische
Vibration hervorruft. Und die erste, elementare physische Kraft wird nun
zur Bahn, auf welcher die Farbe die Seele erreicht." (W. Kandinsky, 1952,
S. 59-61)
Die Formen und Farben der Gemälde
sind nach Kandinsky Ausdruck der inneren, geistigen Welt des Künstlers,
genau wie die Kompositionen eines Musikers. Beim Betrachter, bzw. beim
Hörer lösen die Farben und Formen emotionale und letztendlich
geistige Prozesse aus. Die Kunst soll innere Schau und Reflexion bewirken
(siehe auch die Wirkung der Farbe Blau).
Kapitel
vier: Der Expressionismus und die Zeitgeschichte
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914
brach der Blaue Reiter als Künstlergruppe auseinander. Die "kämpfenden
Formen" von Marc können als Vorahnung auf die Schrecken des bevorstehenden
Krieges gedeutet werden.
Das Bild kann aber auch philosophisch
gedeutet werden: Man glaubt, einen roten Adler zu erkennen, der sich im
Kampf mit einer anderen Kreatur befindet. Licht und Finsternis, als polare
Kräfte des Lebens, verkörpern den Widerstreit zwischen materieller
und geistiger Welt.
Franz Marc: Kämpfende
Formen, 1914
Marc, der 1916 im Krieg fiel, wandte sich
zusammen mit seinem Freund Kandinsky immer mehr der abstrakten Malerei
zu. Kandinsky löste sich vollständig vom Gegenständlichen.
Die Abstraktion der Form verband sie mit Malern des Kubismus wie Pablo
Picasso, der 1904 mit dem Bild "Les
Demoiselles d'Avignon" (>Internet) diese Stilrichtung eingeleitet hatte.
Obwohl die Künstlervereinigung nur
wenige Jahre existiert und nur zwei Ausstellungen durchgeführt hatte,
übte sie einen entscheidenden Einfluss auf alle nachfolgenden Kunstrichtungen
aus. In Österreich schrieb Oskar Kokoschka (1886-1980) expressionistische
Lyrik und Prosa. Aufgrund seiner engen Verbindung zum Theater fertigte
er zahlreiche Plakate und Bühnenbilder an. Er malte auch Städteportraits.
Der deutsche Maler und Graphiker Max Beckmann (1884-1950) gehörte
keiner Künstlergruppe an und schuf expressionistische Gemälde
von deutschen Großstädten und zahlreiche Holzschnitte. Zu den
Bildhauern, die expressionistische Plastiken schufen, gehörten z.
B. Georg Kolbe (1877-1947) und Käthe Kollwitz (1867-1945), die 1933
von den Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot erhielt und deren Werke wie
viele andere Werke des Expressionismus zur sogenannten "entarteten Kunst"
diffamiert wurden. Die expressionistische
Literatur (>Internet) wurde z. B. von Else
Lasker-Schüler (>Internet) vertreten, und in der Musik komponierten
Arnold Schönberg und Igor Strawinsky expressionistische Stücke.
Die Entstehung der Stilrichtung muss im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte
gesehen werden:
"Expressionismus war die
Antwort der Künstler auf die bedrohlich gewordene Materialisierung
und Reglementierung des Lebens. Mit kreativem Zorn reagierten sie auf die
wachsenden Gefährdungen, die sich aus den sozialen Spannungen, kulturellen
Konflikten und psychologischen Belastungen ergaben, welche gerade in Deutschland
festzustellen waren: Folgen des raschen Übergangs vom bäuerlichen
zum städtischen Leben, von der handwerklichen zur industriellen Produktion
und vom partikular- zum zentralstaatlichen System (...) Expressionismus
war die Empörung des Gefühls gegen den kalten Mechanismus, der
begonnen hatte, den Alltag zu bestimmen. Als erste Kunstrichtung nahm er
sich entschieden auch der gesellschaftlich Benachteiligten, der Ausgestoßenen,
Rechtlosen, Kranken und Hilfebedürftigen an..." (Horst Richter 1997,
S. 16-17)
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten
die Kunstwerke des Expressionismus einen Boom. Ein Poster von Franz Marc
hing in den Sechziger Jahren in fast jedem deutschen Wohnzimmer. Der Expressionismus
ermöglichte eine Kunst, die alle Individuen und eine große Bandbreite
von gesellschaftlichen Fragen mit einbezog. Gleichzeitig eröffnete
er für alle nachfolgenden Kunstrichtungen neue Möglichkeiten
der freien Farbgestaltung und löste sich somit von engen Form- und
Farbzwängen der vorangegangenen, gegenständlichen Malerei.
Andere Internetseiten
zum Thema Expressionismus:
Der
Blaue Reiter (***Seite des Franz-Marc-Gymnasiums München mit Lebensläufen
von: Jawlensky, Kandinsky, Macke, Marc, Münter)
Kandinsky
Compositions (amerikanische Seite über die "Compositionen")
Bine
Maywalds Kandinsky-Seite
Museen und Ausstellungen:
Das Brücke
Museum Berlin (mit der bedeutendsten Sammlung)
Das Lenbachhaus
München (berühmteste Ausstellung)
Webmuseen:
Fauvismus,
Expressionismus
im Webmuseum
Fauvisten im CGFA:
Matisse,
Modigliani
Expressionisten im CGFA:
Kandinsky,
Klee,
Macke,
Marc,
Munch
Expressionisten im Mark Hardens Artchive:
Kandinsky,
Kirchner,
Klee,
abstrakte
Expressionisten
| Copyright:
T. Seilnacht (Text) |
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