Farbenbetriebe
 
Bei Ernst Bollhalder in Dornach
von Thomas Seilnacht
 
Hinweis: Die Pflanzenfärberei Bollhalder in Dornach existiert seit 2003 nicht mehr. Dieser Bericht stammt aus dem Jahr 1997 und ist ein historisches Zeugnis für das Färberhandwerk.

Ernst Bollhalder ist im Jahr 1997 einer der wenigen Pflanzenfärber, der noch nach den traditionellen Verfahren vor allem Wolle färbt und seit zwei Jahrzehnten eine Pflanzenfärberei betreibt. Wir finden das Unternehmen am Ortsausgang von Dornach in der Nähe des Waldrandes. Herr Bollhalder begrüßt uns am Eingang eines unscheinbaren Gebäudes und führt uns in einen Raum, in dem Wollknäuel aller Farben auf einem Regal liegen. Wir staunen über die Farbenvielfalt und können kaum glauben, dass es sich ausschließlich um Farbstoffe der Natur handelt.
 

Der heutige Firmenchef erzählt uns, wie die Firma zustande kam. Als ausgebildeter Diplom-Landwirt betrieb er in den Siebziger Jahren biologisch-dynamischen Landbau und Schafzucht. Ein Handelsrückgang anfang der Achtziger Jahre führte dazu, dass er seine Wolle nicht mehr verkaufen konnte. Um die Wolle besser absetzen zu können, begann er mit der Einfärbung der Wolle durch Naturfarbstoffe. Dabei wurde er anfangs durch das Goetheanum unterstützt, welches durch den Gründer der Waldorf-Bewegung, Rudolf Steiner, ins Leben gerufen wurde.
 

 
Heute ist die Pflanzenfärberei im Bezug auf den Wollumsatz die größte Firma in Europa, die ausschließlich mit Naturfarben färbt. Zum Kundenkreis gehören Privatleute und Textilfirmen, die von der Umweltverträglichkeit der Farben und ihrer ästhetischen Wirkung überzeugt sind.
 
Die nachwachsenden Rohstoffe müssen zum Teil zwar aus den tropischen Ländern importiert werden, doch der Einsatz von Chemikalien ist im Vergleich zu einem Textilfarbstoff der chemischen Industrie sehr bescheiden, wenn man eine Gesamtbilanz zieht. Die Pflanzenfarbstoffe sind auf der Haut gut verträglich. Farbabfälle stellen für die Umwelt keine besondere Gefährdung dar.

Wir gelangen in einen Raum, in dem uns Herr Bollhalder die Rohstoffe vorstellt. Im wesentlichen verwendet die Färberei vier Farbstoffe:
 

Name:
 Reseda (Wau)
 Cochenille
indischer Indigo
 Krappwurzel
Farbe:
gelb
rot
blau
braun-rot
Jahresumsatz:
keine Angaben
ca. 300 kg
ca. 100 kg
50 kg bis 1,5 t
 
Das Cochenille bildet eine Ausnahme, da es kein Pflanzenfarbstoff ist, sondern aus getrockneten Schildläusen gewonnen wird. Ernst Bollhalder bezieht es aus Peru. Die Reseda erhält er von einem Landwirt im Hunsrück. Er zeigt uns einen aus Stoffproben gefertigten Farbkreis, der uns in Erstaunen versetzt:
 
 
Alle Farben des Farbkreises wurden mit diesen vier Farbstoffen erzeugt. Wir können es kaum glauben, vor allem da das Grün von der Natur nicht als verwendbarer Farbstoff zur Verfügung gestellt wird. Fast alle Pflanzen enthalten den grünen, zur Fotosynthese notwendigen Farbstoff Chlorophyll. Doch dieser besitzt die unangenehme Eigenschaft, durch Licht zu verblassen. Ernst Bollhalder erreicht die grünen Farbtöne durch Misch- oder Überfärbungen von blauem Indigo mit gelber Reseda und erreicht sehr lichtechte Textilfärbungen. Die beiden Paletten an Farbmustern verdeutlichen die Vielfalt der Möglichkeiten durch pflanzliche Farbstoffe noch einmal in besonderem Maße:
 
 
        Reseda                                                   Indigo                                         Cochenille/Krapp
 
Herr Bollhalder führt uns nach weiter hinten, wo sich große, metallene Kübel befinden (Bild rechts). Zuerst werden die Pflanzenfarben in große, zu einem Sack gedrehte Baumwolltücher gefüllt. Die Extraktion der Farbstoffe in das Wasser erfolgt durch das Eintauchen der Baumwollsäcke in die Wasserkübel bei höherer Wassertemperatur und kann mehrere Stunden bis Tage dauern. Nach der Extraktion entlässt man den Farbstoffsud über eine Rohrleitung aus dem Kübel in das Untergeschoss, wo sich die Farbtröge befinden. Wir müssen jetzt eine Treppe hinabsteigen, die in das untere Stockwerk führt.
 
 
Beim Färbevorgang werden die vorgebeizten Wollbahnen, die an einem fahrbaren Kran mit Gestell aufgehängt sind, in den heißen Farbstoffextrakt getaucht. Das Beizen der Wolle ist notwendig, weil erst diese Vorbehandlung die Wollfaser für den Farbstoff öffnet. Am Boden des Färbetroges sorgen motorisierte Rührwerke für eine gleichmäßige Durchmischung. Mit Hilfe dieser Vorrichtung kann Ernst Bollhalder mehrere Zentner Wolle in einem Färbegang färben.
 
 
Weiter hinten befindet sich ein Kellerraum, in dem die gefärbten Wollstränge zum Trocknen aufgehängt sind. Wir sehen mit Krapp gefärbte Wolle, die an Gestellen aufgehängt ist. Die trockene, feucht-heiße Luft macht uns zu schaffen, so dass wir den Trockenraum relativ schnell wieder verlassen.
 
 
Jetzt werden wir in den Lagerraum der Firma geführt. Neben Säcken und Kübeln sticht uns ein metallener Koffer ins Auge. Der Koffer ist noch von einem langen Transport auf dem Seeweg versiegelt und wir sind gespannt, als Ernst Bollhalder den Koffer öffnet und mit seinem Taschenmesser eine Schutzfolie zerschneidet. Er holt kleine, blaue Würfel aus dem Koffer, die sich als echter indischer Indigo entpuppen. Fasziniert nehmen wird die bröseligen Würfel in die Hand und staunen über das Blau, welches uns von den Jeansstoffen her bekannt ist.
 
 
Echte Pflanzenfärber färben ausschließlich mit echtem Indigo, da ihre Kundenkreise den helleren, natürlichen Farbton des Königs der Farbstoffe bevorzugen. Sie rümpfen die Nase über die dunkleren Nuancen des synthetischen Indigos.
 
Indigo ist kein Beizenfarbstoff, sondern ein Küpenfarbstoff. Er ist nicht wasserlöslich und wird mit einem "Verküpungsmittel" zu einem wasserlöslichen, gelben Salz umgewandelt. Erst damit kann die Wolle getränkt werden. Das wunderbare Blau entsteht auf der Wolle durch die Luft, wenn das gelbe Salz mit dem Luftsauerstoff wieder zu blauem Indigo oxidiert wird.
 
Von dem Vorrat der Färberei kaufen wir einen Sack mit 10 kg Reseda und eine Tüte mit 3 kg Krappwurzeln zu einem günstigen Preis. Wir bedanken uns bei Herrn Bollhalder, der sich einen ganzen Nachmittag für uns Zeit genommen hat, und treten mit einer Vielzahl an Eindrücken den Heimweg an.
 
 
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