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Kremer-Pigmente in Aichstetten/Allgäu
Bericht aus dem Jahr 1996
 
Bild vergrößern! Unsere erste Exkursion führt uns nach Aichstetten ins Allgäu. In einem verschlafenen Ort finden wir, idyllisch an einem Bach gelegen, eine umgebaute Mühle, in der sich heute eine nicht ganz alltägliche Farbenfirma befindet. Dort werden Farben hergestellt, vertrieben, verpackt und versendet. Die Firma Kremer-Pigmente wurde von dem Chemiker Dr. Georg Kremer gegründet, sie befindet sich seit 1984 in Aichstetten. Die Firma ist eine unersetzliche Rohstoffquelle für Künstler, Restauratoren und Schulen. Wir sind gespannt, was uns in dem Gebäude erwartet.
  
   
  In der Firma
Herrn Dr. Georg Kremer finden wir in einem Büro, in dem noch weitere Mitarbeiter Kundenbestellungen telefonisch annehmen. Ein mehrere Kilogramm schwerer, tiefblauer Lapislazuli dient zur Beschwerung auf seinem Schreibtisch. Herr Kremer ist von Beginn an für alle Fragen aufgeschlossen und bringt für unsere unerschöpfliche Neugier eine Engelsgeduld auf. In seinem Büro zeigt er uns mehrere hundert Probendöschen mit Pigmenten, die er selbst herstellt oder vertreibt.  
  
  
Probedöschen mit Pigmenten


 
Während dem Interview
 
  
Wir interessieren uns besonders für die Pigmente, die er in seiner Firma nach alten Rezepten herstellt und weiterverarbeitet. Dazu gehören Erdpigmente wie Veroneser Grüne Erde oder Goldocker von der Insel Elba und vor allem die wunderbaren Blaupigmente Fra Angelico Blau und Smalte. Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte der Firma. Georg Kremer erzählt es uns so:  
  
"Damals kam ein Restaurator zu mir und hatte den Wunsch nach einem Blau. Das Blau konnte er nirgends kaufen, er kam zu mir, ich war Chemiestudent, und ich habe das Blau gemacht. Dann kam ein Kollege, der wollte ein Grün haben, auch das habe ich gemacht. Und damals Mitte der Siebziger, irgendwie muss der Mensch ja leben, ich wollte eigentlich habilitieren, das ging nicht, keine Stelle frei, da habe ich eben eine Farbenfirma gegründet"  
  
 
  


 
 
 
  
Zum Kundenkreis der Firma gehören vor allem Restauratoren, Künstler, Schulen und Kindergärten. Für alle bisherigen Farbenprojekte, die wir bisher in der Schule durchführten, verwendeten wir Pigmente, wie sie bei Kremer erhältlich sind. Das Angebot umfasst ein komplettes Angebot aller verfügbaren Erdpigmente, Pflanzenfarben und Farbhölzer, synthetische Pigmente, Bindemittel und diverse Rohstoffe für die Farbenherstellung. Soll ein Kirchengemälde restauriert werden, muss die Originalfarbe verwendet werden, wobei die chemische Zusammensetzung genau dem Originalpigment entsprechen sollte. Für derartige Sonderwünsche ist die Firma ebenfalls zuständig. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass ein Kilogramm eines Pigments, wie Fra-Angelico-Blau über 15000 Euro kostet. Die einfachen Pigmente bietet Kremer-Pigmente auf dem Markt jedoch zu einem günstigen Preis an.  
   
Herr Kremer führt uns in einen kleinen Raum mit Blick auf den Bach, in dem Sead tätig ist. Er ist für die Herstellung der Pigmente nach alten Rezepturen verantwortlich. In dem Raum stehen Säcke und Eimer mit verschiedenen Mineralien, ein überdimensionaler Mörser, eine elektrische Mühle und ein Schüttelsieb, im Vergleich zu einem chemischen Betrieb eine eher bescheidene Ausrüstung. Doch gerade diese Atmosphäre nimmt uns schnell gefangen. Sead öffnet die Eimer und zeigt uns verschiedene Mineralien. Er erklärt uns, wo sie gefunden wurden, ein paar davon hat Herr Kremer in Italien selbst gegraben, manche stammen aus Deutschland. Auch Sead nimmt sich viel Zeit für uns, bis wir endlich die schwere Kamera- und Filmausrüstung aufgebaut haben.  
   
  
Im Labor


 
Sead zeigt uns verschiedene Mineralien.
 
  
Besonders interessiert sind wir natürlich am Lapislazuli. Die Firma Kremer ist die einzige Firma weltweit, die nach einer alten Rezeptur noch das Pigment Fra-Angelico-Blau aus dem Edelstein gewinnt. Wir fragen nach Einzelheiten, doch Sead weicht aus, denn die genaue Rezeptur ist ein wohlgehütetes Geheimnis.
 
Sead demonstriert und an einem kleinen Brennofen, wie das Cobaltpigment Smalte hergestellt wird. Dazu gibt er eine vorbereitete Mischung aus Quarzsand, Pottasche und Cobaltsalzen in einen Behälter und brennt ihn in dem Ofen. Nach etwa einer halben Stunde glüht die Masse nach dem Herausnehmen hellrot. Während dem Abkühlen wandelt sich die rotglühende Schmelze zu einer blauen Masse um. Wir sind beeindruckt. 
 
 
Entstehung des blauen Cobaltglases


 
Die rotglühende Schmelze geht beim Abkühlen in eine blaue, glasartige Masse über.
 
  
In einem oberen Stockwerk der alten Mühle befindet sich das Lager. Wir kaufen für mehrere hundert Mark Pigmente und vor allem Erden und Gesteine, die wir später den Schülern im Chemie- und Kunstunterricht als Anschauungsobjekte zeigen werden.Am Abend sind wir erschöpft und zufrieden. Mit einer Vielzahl an Eindrücken, gelungenen Fotos und beladen mit Steinen und Pigmenten fahren wir nach Hause. Der Besuch wird auf unser Farbenprojekt einen nachhaltigen Eindruck machen. 
  
 
Rohmaterialien zur Pigmentherstellung


 
Vordere Reihe von links nach rechts: Spanischer Goldocker, roter Jaspis, gelber Ocker von der Insel Elba und roter Schieferglimmer aus Zürs. Hintere Reihe: Veroneser Grüne Erde, rotes Zinnobererz (Quecksilbersulfid), roter Realgar und grüner Malachit Der Inhalt des hinteren Beutels mit Fra Angelico Blau dürfte einen Wert von mehreren tausend Euro besitzen. 

   
Weitere Infos 
Dokumentation des Farbenprojekts 
Internet: Webseite der Firma Kremer-Pigmente
 
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