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Bei der Farbmühle Kremer in Aichstetten/Allgäu
Bericht aus dem Jahr 1996 von Thomas Seilnacht
 
Unsere erste Exkursion führt uns nach Aichstetten ins Allgäu. In einem verschlafenen Ort finden wir, idyllisch an einem Bach gelegen, eine alte Mühle, in der sich heute eine nicht ganz alltägliche Farbenfirma befindet.
 
 
Farbmühle von Georg Kremer (aktuelles Foto)
 
Nur wenige Mitarbeiter sind in dem Betrieb beschäftigt, Herrn Kremer finden wir in einem Büro, in dem noch zwei Mitarbeiterinnen Kundenbestellungen telefonisch annehmen. Ein mehrere Kilogramm schwerer, tiefblauer Lapislazuli dient zur Beschwerung auf seinem Schreibtisch. Herr Kremer ist von Beginn an für alle Fragen aufgeschlossen und bringt für unsere unerschöpfliche Neugier eine Engelsgeduld auf. In seinem Büro zeigt er uns mehrere hundert Probendöschen mit Pigmenten, die er selbst herstellt oder vertreibt.
 
 
Georg Kremer und Thomas Seilnacht

Wir interessieren uns besonders für die Pigmente, welche er in seiner Firma nach alten Rezepten herstellt und weiterverarbeitet. Dazu gehören Erdpigmente wie Veroneser Grüne Erde oder Goldocker von der Insel Elba und vor allem die wunderbaren Blaupigmente Lapislazuli und Smalte. Dazu mehr aber später. Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte der Farbmühle. Herr Kremer erzählt es uns so:
 

"Damals kam ein Restaurator zu mir und hatte den Wunsch nach einem Blau. Das Blau konnte er nirgends kaufen, er kam zu mir, ich war Chemiestudent, und ich habe das Blau gemacht. Dann kam ein Kollege, der wollte ein Grün haben, auch das habe ich gemacht. Und damals Mitte der Siebziger, irgendwie muss der Mensch ja leben, ich wollte eigentlich habilitieren, das ging nicht, keine Stelle frei, da habe ich eben eine Farbenfirma gegründet"
 
Heute hat die Firma einen Tagesumsatz von etwa einer halben Tonne Pigmente und Chemikalien. Zum Kundenkreis gehören vor allem Restauratoren, Künstler, Schulen und Kindergärten. Wer mit Farben heute ernsthaft arbeitet, sei es in der Schule oder als Kunstmaler und Restaurator, wird relativ sicher mit der Farbmühle Kremer zu tun haben. Für alle bisherigen Farbenprojekte, die wir bisher in der Schule durchführten, verwendeten wir die Produkte der Firma. Das Angebot umfasst ein komplettes Angebot aller verfügbaren Erdpigmente, Pflanzenfarben und Farbhölzer, synthetische Pigmente, Bindemittel und diverse Rohstoffe für die Farbenherstellung. Soll ein Kirchengemälde restauriert werden, muss die Originalfarbe verwendet werden, wobei die chemische Zusammensetzung genau dem Originalpigment entsprechen sollte. Für derartige Sonderwünsche ist die Firma ebenfalls zuständig. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass ein Kilogramm eines Pigments, wie Fra-Angelico-Blau über 15000 Euro kostet. Die einfachen Pigmente bietet Kremer auf dem Markt jedoch zu einem sehr günstigen Preis an.
 
Herr Kremer führt uns in einen kleinen Raum mit Blick auf den Bach, in dem Herr Sead Eminagic tätig ist. Er ist für die Herstellung der Pigmente nach alten Rezepturen verantwortlich. In dem Raum stehen Säcke und Eimer mit verschiedenen Mineralien, ein überdimensionaler Mörser, eine elektrische Mühle und ein Schüttelsieb, im Vergleich zu einem chemischen Betrieb eine eher bescheidene Ausrüstung. Doch gerade diese Atmosphäre nimmt uns schnell gefangen. Sead öffnet die Eimer und zeigt uns verschiedene Mineralien. Er erklärt uns, wo sie gefunden wurden, ein paar davon hat Herr Kremer in Italien selbst gegraben, manche stammen aus Deutschland. Auch Sead nimmt sich viel Zeit für uns, bis wir endlich die schwere Kamera- und Filmausrüstung aufgebaut haben.
 

 
Sead zeigt uns verschiedene Mineralien
 
Besonders interessiert sind wir natürlich am Lapislazuli. Die Firma Kremer ist die einzige Firma weltweit, die nach einer alten Rezeptur noch das Pigment "Fra-Angelico-Blau" aus dem Halbedelstein gewinnt. Wir fragen nach Einzelheiten, doch Sead weicht aus, denn die genaue Rezeptur ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Die Herstellung von Fra-Angelico-Blau und von Smalte bei Kremer ist im Farbenlexikon beschrieben.
 
Film: Herstellung von Fra-Angelico-Blau
Kamera und Copyright: Thomas Seilnacht
 
Auswaschen der feinen Pigmentteilchen
 
 Klicken Sie zum Abspielen des Filmes auf das Bild (Sie benötigen den Realplayer)
 
In einem oberen Stockwerk der alten Mühle befindet sich das Lager. Wir kaufen für mehrere hundert Mark Pigmente und vor allem Erden und Gesteine, die wir später den Schülern im Chemie- und Kunstunterricht als Anschauungsobjekte zeigen werden.
 
 
Auf dem Bild sind die Rohmaterialien zur Pigmentherstellung zu sehen: In der vorderen Reihe von links nach rechts Spanischer Goldocker, roter Jaspis, gelber Ocker von der Insel Elba und roter Schieferglimmer aus Zürs, in der hinteren Reihe Veroneser Grüne Erde, rotes Zinnobererz (Quecksilbersulfid), roter Realgar und grüner Malachit. Der Inhalt des hinteren Beutels mit Lapislazuli-Pigment dürfte einen Wert von mehreren tausend Mark besitzen.
 
Am Abend sind wir erschöpft und zufrieden. Mit einer Vielzahl an Eindrücken, gelungenen Fotos und beladen mit Steinen und Pigmenten fahren wir nach Hause. Der Besuch wird auf unser Farbenprojekt einen nachhaltigen Eindruck machen.
 
 
Copyright: T. Seilnacht
www.seilnacht.com