Chemie
zum Wohle des Menschen?
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Wir möchten Chemie
unterrichten und die Schüler vielleicht auch zu einem Chemieberuf
hinführen, müssen aber auch auf die Negativseiten der Chemie
eingehen. Daher bietet sich für den Einstieg eine pro-contra-Diskussion
an. Im folgenden möchte ich aufzeigen, wie ich eine solche Einführungsstunde
schon oft durchgeführt habe. Zuerst nehme ich die Position eines Vertreters
der chemischen Industrie ein und argumentiere etwa so:
"Sehr
geehrtes Publikum, ich würde Sie gerne von unseren Produkten überzeugen.
Unser Unternehmen gibt 50000 Arbeitern eine Beschäftigung und produziert
Stoffe und Dinge, die für sie unverzichtbar geworden sind und das
Leben versüßen. Dazu gehören zum Beispiel Kosmetika, Cremes
und Seifen, aber auch Videobänder und CD-ROM's. Nun, wenn es uns nicht
gäbe, dann hätten Sie nicht ihren Lebensstandard. Dies möchte
ich an zwei Personen aus dem Publikum beweisen (er holt sich zwei Personen
und stellt sie vor das Publikum).
Dieser
junge Mann trägt ein Sweetshirt, das ohne die Chemie nicht hergestellt
werden könnte. Die Kunstfaser und die Farbstoffe sind wie übrigens
der Kunststoff seines Brillengestells aus Erdölprodukten hergestellt.
Ist das Sweetshirt oder seine Jeans aus Baumwolle, also Naturprodukte,
sind trotzdem chemische Verfahren notwendig, um die Baumwolle zu reinigen
und zu verarbeiten. Die hübsche Frau neben ihm trägt Ohrringe
und Ringe (Er wendet sich ihr zu). Wissen Sie, aus welchem Material das
Metall besteht? (sie schaut auf dem Stempel nach). Aha, Gold 333, das bedeutet,
dass der Ring zu 33,3% Prozent aus Gold besteht. Auch hier sind eine Reihe
chemischer Verfahren notwendig, um aus dem Golderz Gold zu gewinnen. Was
haben Sie (er wendet sich ihr erneut zu) heute morgen nach dem Aufstehen
vor der Schule gemacht (sie antwortet)...
Aha,
also wieder Chemie, Sie haben unsere Seife oder ein Duschbad benutzt. Und
selbst beim Essen haben Sie es mit Lebensmitteln zu tun, die ohne die Chemie
in ihrem Kühlschrank schon längst verdorben wären. Also
überall nur Chemie und selbst die Verdauung ihres Frühstücks
in ihrem Magen unterliegt chemischen Vorgängen. Ich möchte nun
behaupten, Chemie ist überall, sie ist etwas natürliches, sie
ist unverzichtbar und absolut zum Wohle des Menschen!"
Besonders der letzte
Satz verleitet die Schüler vielleicht zu einem "Aber". Sie weisen
auf Chemieunfälle und die Umweltverschmutzung hin. Nun trete ich aus
der fiktiven Rolle des Chemievertreters heraus und lasse die Schüler
weitere Gegenbeispiele nennen:
-
Beim Arbeiten mit Chemikalien
besteht ein erhebliches Gefahrenpotential für Mensch und Umwelt, z.B.
bei Chemieunfällen.
-
Bei der Verbrennung von Brennstoffen
wie Heizöl, Benzin oder Kohle entstehen giftige Abgase, die die Umwelt
schädigen.
-
Es besteht die Gefahr des
Missbrauchs der Chemie: Manche Staaten halten sich nicht an das Verbot
zum Bau von ABC-Waffen und setzten diese möglicherweise sogar im Krieg
ein. Die Herstellung von Drogen und Sprengstoffen ohne staatliche Genehmigung
ist ebenfalls illegal.
Eindrücklich für
Schüler ist es, wenn ein Unfall geschildert wird, an dem sich mögliche
Gefahren verdeutlichen und wenn ein räumlicher Bezug hergestellt werden
kann. Dies kann beispielsweise anhand eines Augenzeugenberichts einer Chemiekatastrophe
dargestellt werden:
"Als
Augenzeuge erlebte ich selbst die Katastrophe beim Chemiekonzern "Sandoz"
(ehemaliger Name) im Jahre 1986 in Schweizerhalle bei Basel in der Schweiz.
Den Unfallhergang habe ich folgendermaßen protokolliert: In der Nacht
zum 1. November 1986 ereignen sich mehrere, schwere Explosionen, die viele
Kilometer weit zu hören und zu sehen sind. Schnell entsteht ein Großbrand
mit riesigen Flammen. Die deutsche Feuerwehr kann nach Anfragen von beunruhigten
deutschen Bürgern auf der gegenüberliegen Seite des Rheins zunächst
von den Schweizer Behörden keine Informationen erhalten. Es herrscht
angesichts des großen Brandherds Angst und Verwirrung in der Bevölkerung.
Noch
in der selben Nacht werden die Grenzübergänge in die Schweiz
von Schweizer Militär gesperrt. Die Soldaten tragen Gasmasken, nachdem
sich ein gelbgrünes, stinkendes Gas über die ganze Stadt Basel
und die Nachbargemeinden ausgebreitet hat. Die Basler Stadtbevölkerung
wird über Lautsprecher aufgefordert, die Wohnung nicht mehr zu verlassen
und alle Fenster und Rolläden zu schließen. Am Morgen gleicht
die Großstadt Basel einer Geisterstadt. Die Straßen sind wie
ausgestorben, nur Katastrophen-Einsatzfahrzeuge huschen durch den gelbgrünen,
stinkenden Nebel. Erst am Mittag wird die Bevölkerung über die
Katastrophe im Radio ausführlich informiert.
In
der Folgezeit verfärbt sich der Rhein rot-orange und stinkt. 10000-20000m3
Löschwasser mit ca. 30 Tonnen Pestiziden und 200kg Quecksilberverbindungen
sind in den Rhein geflossen. Die Gifte führen zu einem riesigen Fischsterben
im Rhein auf mehreren hundert Kilometern Länge. Viele am Rhein liegende
Gemeinden in Deutschland müssen ihre Trinkwasserbrunnen schließen,
so auch die 600km entfernte Stadt Köln. 5,5 Millionen Menschen werden
normalerweise mit Trinkwasser aus dem Rhein oder dem Uferfiltrat versorgt
und sind unmittelbar von der Katastrophe betroffen.
Ein
paar Tage später erfährt die Bevölkerung in Basel, dass
direkt neben dem Brandherd ein Tank mit großen Mengen an Phosgen
angrenzte. Ein Platzen dieses Behälters hätte zu einer unvorstellbaren
Katastrophe mit Tausenden von Toten geführt."
(Authentischer
Augenzeugenbericht von Thomas Seilnacht)
Ein Fazit aus der Diskussion
lasse ich die Schüler selbst ziehen. Sie erkennen, dass der Umgang
mit Chemikalien gefährlich ist und Verantwortung gegenüber der
Umwelt und dem Mitmenschen erfordert. Die Erkenntnisse formulieren die
Schüler selbst in ihr Heft. Die Notwendigkeit einer Einweisung in
sicheres Arbeiten im Chemieunterricht ergibt
sich aufgrund dieser Diskussion von selbst.