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Einführung in das Thema Gefahrstoffe
Thomas Seilnacht


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Wir möchten Chemie unterrichten und die Schülerinnen und Schüler vielleicht auch zu einem Chemieberuf hinführen, müssen aber auch auf die Negativseiten der Chemie eingehen. Daher bietet sich für den Einstieg eine pro-und-contra-Diskussion an. Im Folgenden möchte ich aufzeigen, wie ich eine solche Einführungsstunde schon oft durchgeführt habe. Zuerst nehme ich die Position eines Vertreters der chemischen Industrie ein und argumentiere etwa so:

"Sehr geehrtes Publikum, ich würde Sie gerne von unseren Produkten überzeugen. Unser Unternehmen gibt 50000 Arbeitern eine Beschäftigung und produziert Stoffe und Dinge, die für sie unverzichtbar geworden sind und das Leben versüßen. Dazu gehören zum Beispiel Kosmetika, Cremes und Seifen, aber auch DVDs und USB-Sticks. Nun, wenn es uns nicht gäbe, dann hätten Sie nicht ihren Lebensstandard. Dies möchte ich an zwei Personen aus dem Publikum beweisen (er holt sich zwei Personen und stellt sie vor das Publikum).

Dieser junge Mann trägt ein T-Shirt, das ohne die Chemie nicht hergestellt werden könnte. Die Kunstfaser und die Farbstoffe sind wie der Kunststoff seines Brillengestells aus Erdölprodukten hergestellt. Sind Shirt oder Jeans aus natürlicher Baumwolle, sind übrigens trotzdem chemische Verfahren notwendig, um die Baumwolle zu reinigen und zu verarbeiten. Die hübsche Frau neben ihm trägt Ohrringe und Ringe (Er wendet sich ihr zu). Wissen Sie, aus welchem Material das Metall besteht? (sie schaut auf dem Stempel nach). Aha, Gold 333, das bedeutet, dass der Ring zu 33,3% Prozent aus Gold besteht. Auch hier sind eine Reihe chemischer Verfahren notwendig, um aus dem Gold-Erz Gold zu gewinnen. Was haben Sie (er wendet sich ihr erneut zu) heute Morgen nach dem Aufstehen vor der Schule gemacht (sie antwortet)...
 
Aha, also wieder Chemie, Sie haben unsere Seife oder ein Duschbad eines anderen Herstellers benutzt. Und selbst beim Essen haben Sie es mit Lebensmitteln zu tun, die ohne die Chemie in ihrem Kühlschrank schon längst verdorben wären. Also überall nur Chemie und selbst die Verdauung ihres Frühstücks in ihrem Magen unterliegt chemischen Vorgängen. Ich möchte nun behaupten, Chemie ist überall, sie ist etwas Natürliches, sie ist unverzichtbar und absolut zum Wohle des Menschen!"
 
Besonders der letzte Satz verleitet die Schülerinnen und Schüler vielleicht zu einem "Aber". Sie weisen auf Chemieunfälle und die Umweltverschmutzung hin. Nun trete ich aus der fiktiven Rolle des Chemievertreters heraus und lasse die Schülerinnen und Schüler weitere Gegenbeispiele nennen:

  • Beim Arbeiten mit Chemikalien besteht ein erhebliches Gefahrenpotential für Mensch und Umwelt, beispielsweise bei Chemieunfällen.
  • Bei der Verbrennung von Brennstoffen wie Heizöl, Benzin oder Kohle entstehen Abgase, die die Umwelt schädigen.
  • Es besteht die Gefahr des Missbrauchs der Chemie: Manche Staaten halten sich nicht an das Verbot zum Bau von ABC-Waffen und setzten diese möglicherweise sogar im Krieg ein. Die Herstellung von Drogen und Sprengstoffen ohne staatliche Genehmigung ist ebenfalls illegal. Der Einsatz von Dopingmitteln im Sport ist zwar verboten, kommt aber leider immer wieder vor.
Eindrücklich für Schülerinnen und Schüler ist es, wenn ein Unfall geschildert wird, an dem mögliche Gefahren verdeutlicht werden. Dies ist umso glaubhafter, je mehr ein räumlicher Bezug hergestellt werden kann. Ich selbst habe eine der größten Chemiekatastrophen der Geschichte aus nächster Nähe erlebt:


Augenzeugenbericht Thomas Seilnacht

 
"Als Augenzeuge erlebte ich selbst die Katastrophe beim Chemiekonzern "Sandoz" (ehemaliger Name) im Jahre 1986 in Schweizerhalle bei Basel in der Schweiz. Den Unfallhergang habe ich folgendermaßen protokolliert: In der Nacht zum 1. November 1986 ereignen sich mehrere, schwere Explosionen, die viele Kilometer weit zu hören und zu sehen sind. Schnell entsteht ein Großbrand mit riesigen Flammen. Die deutsche Feuerwehr kann nach Anfragen von beunruhigten deutschen Bürgern auf der gegenüberliegen Seite des Rheins zunächst von den Schweizer Behörden keine Informationen erhalten. Es herrscht angesichts des großen Brandherdes Angst und Verwirrung in der Bevölkerung.
 
Noch in der gleichen Nacht werden die Grenzübergänge in die Schweiz vom Militär gesperrt. Die Soldaten tragen Gasmasken, nachdem sich ein gelbgrünes, stinkendes Gas über die ganze Stadt Basel und die Nachbargemeinden ausgebreitet hat. Die Basler Stadtbevölkerung wird über Lautsprecher aufgefordert, die Wohnung nicht mehr zu verlassen und alle Fenster und Rollläden zu schließen. Am Morgen gleicht die Großstadt Basel einer Geisterstadt. Die Straßen sind wie ausgestorben, nur Katastrophen-Einsatzfahrzeuge huschen durch den gelbgrünen, stinkenden Nebel. Erst am Mittag wird die Bevölkerung über die Katastrophe im Radio ausführlich informiert.
 
In der Folgezeit verfärbt sich der Rhein rot-orange und stinkt. 10000 bis 20000 Kubikmeter Löschwasser mit 30 Tonnen Pestiziden und 200 Kilogramm Quecksilberverbindungen sind in den Rhein geflossen. Die Gifte führen zu einem riesigen Fischsterben im Rhein auf mehreren hundert Kilometern Länge. Viele am Rhein liegende Gemeinden in Deutschland müssen ihre Trinkwasserbrunnen schließen, so auch die 600 Kilometer entfernte Stadt Köln. 5,5 Millionen Menschen werden normalerweise mit Trinkwasser aus dem Rhein oder dem Uferfiltrat versorgt und sind unmittelbar von der Katastrophe betroffen.
 
Ein paar Tage später erfährt die Bevölkerung in Basel, dass direkt neben dem Gebäude mit dem Brandherd ein Tank mit großen Mengen Phosgen angrenzte. Ein Platzen dieses Behälters hätte zu einer unvorstellbaren Katastrophe mit Tausenden von Toten geführt."
 
 
Ein Fazit aus der Diskussion lasse ich die Schülerinnen und Schüler selbst ziehen. Sie erkennen, dass der Umgang mit Chemikalien gefährlich ist und Verantwortung gegenüber der Umwelt und dem Mitmenschen erfordert. Die Erkenntnisse formulieren die Schülerinnen und Schüler selbst in ihr Heft. Die Notwendigkeit einer Einweisung in sicheres Arbeiten im Chemieunterricht ergibt sich aufgrund dieser Diskussion von selbst.
 
 
Copyright: T. Seilnacht