Startseite >>> Veröffentlichungen >>> Farben nach alten Rezepten
 
Farben nach alten Rezepten
von Thomas Seilnacht
Ich danke Herrn Martin Schnell für die intensive und konstruktive Zusammenarbeit
 
- Anregungen für ein fächerverbindendes Projekt in der Sekundarstufe I -
(erschienen in „Unterricht Biologie“ 6/98, S. 50-51 und Beihefter S. 12)
 siehe auch: Das Farbenprojekt
 
Download des Textes
 
 
Afrikanisches Motiv in Casein-Technik von Jasmin Strohmaier
 
 
Ausgangspunkt war die Idee, im Biologie- und Chemieunterricht selbst Farben herzustellen und im Fach Kunst weiterzuverarbeiten. Der Einstieg in das Projekt erfolgte über Höhlenmalereien. Vor erst vier Jahren wurde die weltweit bisher bedeutendste Bilderhöhle, die „Grotte Chauvet“ in Südfrankreich (Chauvet, 1995), entdeckt. Einen Überblick über die Höhlenmalereien sowie über die verwendeten Pigmente und die verschiedenen Maltechniken bietet der Film „Prähistorische Kunst - Die Grotte von Lascaux, der von ARTE ausgetrahlt wurde (22. Feb. 1997, 20 Uhr 45 bis 21 Uhr 45). Man kann davon ausgehen, dass die Höhlenmaler zu ihrer Zeit angesehene Künstler waren.

Die mit 32000 Jahren ältesten bekannten Malereien mit Pigmenten und Bindemitteln regen viele Jugendliche zur Nachahmung dieser Höhlenbilder an (vgl. auch Greber in UB 211). In der Realschule Mühlheim an der Donau stellten die SchülerInnen aus Gips, Kreidepulver und Farbpigmenten selbst Kreide her und zeichneten eigene Höhlenbilder.
 

 
Tierdarstellungen in der Grotte Chauvet:
Rentiere und ein Wisent aus dem Panneau der Rentiere
 
 
Die Kreidemalereien der SchülerInnen erwiesen sich als sehr vergängliche Kunst. Die auf schwarzem Karton gemalten Kreidezeichnungen konnten nur nachträglich mit einem Fixativ einigermaßen wischfest gemacht werden. Daher tauchte bei den Jugendlichen die Frage auf, wie ein Farbpigment dauerhaft an einen Untergrund gebunden werden kann.

Damit ein Pigment dauerhaft haftet, ist die Beimengung eines Bindemittels notwendig. Die Höhlenmaler verwendeten als Bindemittel Wasser und pflanzliche Öle oder Fette. Durch einen Mineralisationsprozess wurden die Höhlenbilder im Laufe der Jahrtausende konserviert. Wie bereits die Römer nutzten die SchülerInnen Casein als Bindemittel zur Casein-Maltechnik.
 

Casein, ein Bindemittel des Altertums

Das Casein kann aus Milch oder Quark mit einfachen Mitteln gewonnen werden. Milch enthält etwa 3% Casein, Magerquark besteht sogar hauptsächlich aus Casein. Mit Casein angerührte Farben zeichnen sich durch eine sonst nicht erreichbare Brillanz und Farbstärke aus: Das Casein bildet bei seiner Aushärtung Kristalle, die durch Lichtbrechung die Farbwirkung des Pigments betonen. Wegen der fantastischen Leuchtkraft der Farben greifen viele Maler heute wieder auf die Caseintechnik zurück. Das Einsatzgebiet der Caseinfarben ist vielfältig: Sie haften sehr gut auf Holz, Papier, Beton, ja sogar auf Glas und Stoff.

Zur Herstellung größerer Mengen an Caseinfarbe, z.B. zum Bemalen von Betonwänden oder Stoffen, kann folgendes Rezept verwenden werden:

100ml Wasser intensiv verrühren und schütteln mit:

  3g  Calciumhydroxid (Casein ist nur in Laugen löslich!)
  8g  Milchcasein (bei Kremer erhältlich)
  2g  Borax (Natriumtetraborat, macht die Farbe haltbarer)
50g  Pigment

Die Caseinfarbe ist nur einige Wochen haltbar und muss unter Luftabschluss aufbewahrt werden. Das Aufbewahrungsgefäß sollte immer wieder mal geschüttelt werden, damit das Casein nicht so schnell aushärtet.

Neben dem Casein eignen sich noch weitere Bindemittel pflanzlicher Herkunft:
 

Bindemittel Gewinnung
Kleister  wird aus Stärke gewonnen (z.B. Roggenmehl);  zum Anrühren einer einfachen Leimfarbe 
Leinöl wird aus Flachssamen gewonnen und ergibt beim Verrühren mit einem Pigment eine hochwertige Ölfarbe, die auch zum Marmorieren verwendet werden kann 
Gummi arabicum wird im Sudan aus der Rinde des Akazienbaumes gewonnen; wichtigstes Bindemittel für Aquarellfarben 
Dextrin wird aus Kartoffelstärke gewonnen; für Aquarellfarben 
 
 
Herstellung und Verarbeitung der Pigmente

Für die Höhlenmalereien wurden Pigmente notwendig, die eine starke Farbwirkung besitzen und sich nicht unter Umwelteinflüssen zersetzen. Die Höhlenmaler der Steinzeit verwendeten unter anderem folgende Pigmente:

schwarz: Manganerze (Manganoxid, bzw. Braunstein), Holz- und Knochenkohle
gelb: gelbe Erden, z.B. Ocker
rot: rote Erden, gebrannter Ocker, rotes Eisenerz (Eisenoxid)

Auch im Altertum und vor allem für die Kirchenmalerei gewann man die meisten Pigmente aus farbigen Erden, Erzen oder Mineralien. Die Erden wurden gemahlen, gereinigt und mit Bindemitteln vermischt. Die Herstellung mancher Pigmente und die dabei notwendigen Reinigungsverfahren war früher außerordentlich aufwendig und teuer: So wurde beispielsweise das sogenannte „Fra-Angelico-Blau“, aus echtem Lapislazuli hergestellt. Heute ist die Firma Kremer in Aichstetten/Allgäu die einzige Farbmühle in Europa, die dieses Pigment für Renovierungsarbeiten noch nach dem Originalrezept herstellt. Das genaue Rezept wird geheimgehalten. Die Rohsteine werden zunächst zerstoßen, gemahlen und gesiebt. Zur Reinigung des Lapispulvers wird dieses mit Terpentinöl, Bienenwachs und Harzen verknetet, welche die Verunreinigungen an sich binden. Die geknetete Masse füllt man in ein Leinen- oder Baumwollsäckchen, aus dem durch mehrmaliges Auswaschen und Durchkneten nur die feinsten Pigmentteilchen herausgefiltert werden. Sie finden sich dann als Bodensatz im Wasser. Entsprechend des Herstellungsaufwandes kostet ein Kilogramm des feinsten Lapislazuli-Blaus über 15000 Euro! Das heute im Handel erhältliche Ultramarinblau ist ein künstlich hergestelltes Lapispigment und daher wesentlich billiger. In der Schulfernsehserie „Farben“ wird die Herstellung von echtem Lapispigment bei Kremer in der Folge 2 „Pigmente und Farbstoffe“ gezeigt.

Die Firma Kremer stellte für unser Farbenprojekt die wichtigste Lieferquelle für Farb-Rohstoffe dar. Alternativ können diese auch bei der Firma DraGoCo in 37603 Holzminden bestellt werden. Wir beschränkten uns auf die Verwendung von nur wenigen Pigmenten:

 
Name des Pigments
Farbe
Bestellen bei Kremer
Eisenoxidrot hell synthetisch
 rostrot
4810 
Eisenoxidgelb synthetisch
ockergelb
4800
Ultramarinblau dunkel
blau
4501
Chromoxidgrün
grün
4420
Zinkweiß bleifrei
weiß
4630
Eisenoxidschwarz synthetisch
schwarz 
4840
 
Die genannten Pigmente sind weitgehend ungiftig und eignen sich mit Ausnahme von Chromoxidgrün auch für die Herstellung von Schminke. Jede Mischung der sechs Pigmente ergibt eine Farbharmonie. Das Fehlen von grellen und leuchtenden Rot- und Gelbtönen wird von Manchen vielleicht als Mangel empfunden. die SchülerInnen lernten jedoch sehr schnell, mit dieser begrenzten Farb-Auswahl zurecht zu kommen und Töne, Rhythmen, und sogar Klänge mit Hilfe der Farben zu produzieren, wie es die Frauen in Afrika in dem fantastischen Fotobildband „Die Farben Afrikas“ vormachen (Courtney-Clarke, 1993).

Jedes bisher durchgeführte Farben-Projekt stand unter einem besonderen Thema. Die „Farben Afrikas“ gab das Motto für ein Projekt vor, das die künstlerische Gestaltung steriler Betonsäulen in der Schule und der Wände eines Bus-Wartehäuschens zum Ziel hatte. Bevor Säulen und Wände bemalt wurden, fertigten die SchülerInnen mit der Caseintechnik Entwürfe auf schwarzem Karton und dann auf Holz. Die Ergebnisse wurden auf einer Vernissage und einer Ausstellung im Mühlheimer Schloss einem größeren Publikum vorgeführt.

Einen weiteren Themenschwerpunkt bildete „Die Farbe Blau“. Die Farbe Blau spielt nicht nur in der Malerei (z.B. „Der Blaue Reiter“), sondern auch in der Literatur und neuerdings in der Werbung eine große Rolle. Viele Assoziationen und Informationen liefert der empfehlenswerte Bildband „Blau - Farbe der Ferne“ von Hans Gercke, nach der berühmten Ausstellung in Heidelberg über die Farbe Blau im Jahre 1990 mit Bildern, Texten und Gedichten zur Farbe Blau (darunter auch der Verweis auf den Seidenlaubenvogel, der dem Weibchen jede Menge blaue und gestohlene Gegenstände schenkt). Die Schüler erhielten die Aufgabe, ein Bild, ein Objekt, eine Skulptur oder eine Maske zum Thema Blau zu entwerfen. Dabei war es ihnen freigestellt, welche Maltechnik sie anwandten (Caseintechnik, Aquarelltechnik, Kreidetechnik). Bedingung war jedoch die ausschließliche Verwendung der selbst hergestellten Farben nach den bereits bekannten Rezepten. Die folgende Aufzählung nennt nur eine Auswahl der Schüler-Ideen:

Literatur  
Copyright: T. Seilnacht
www.seilnacht.com