Begründungen für handlungsorientierte Unterrichtsformen
a) Gesellschaftliche Ausgangsbedingungen
Durch die Mediatisierung der Kindheit werden aus den Medien (Fernsehen, Kino, Zeitschriften, Internet) oft Vorbilder und Vorurteile einfach unreflektiert übernommen. So dienen z.B. viele Talkshows nur zur Verfestigung von vorgefassten Meinungen und die Werbung suggeriert Bedürfnisse, die nicht aus eigenem Antrieb kommen. Gleichzeitig geht dieser Prozess mit einem Verlust an unmittelbarer Erfahrung einher. Dies wird durch eine Verinselung des Lebensraumes noch verstärkt, d.h. Jugendliche wohnen oft in Wohnblöcken und Kleinfamilien mit einem weiten Weg zur Schule. Dazwischen liegen Zwischenräume, zu denen keine Beziehung mehr aufgebaut wird, z.B. in den Großstädten sind es trostlose Straßen und Häuserlandschaften. In den Familien wird nur noch wenig geredet, da die Erwachsenen oft ebenfalls einen weiten Weg zu ihrem Arbeitsplatz zurücklegen müssen. Es tritt Perspektivenlosigkeit bei den Jugendlichen auf, die zudem durch drohende Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Wohnungsnot oder einfach durch Zukunftsängste verstärkt wird. Mit der Verinselung nimmt auch die Fähigkeit zur Kommunikation ab. Die Toleranz gegenüber Anderen und Andersdenkenden schwindet und die Gewaltbereitschaft nimmt zu.
Wolfgang Klafki spricht von "Schlüsselproblemen"
und fordert daher die Notwendigkeit eines allgemeinen Bildungsbegriffs.
Die Schulen sind nach Klafki gefordert, diese Probleme aufzugreifen und
alle Beteiligten als Mitverantwortliche zur Bewältigung der Probleme
aufzufordern. Eine Möglichkeit zur Veränderung dieser gesellschaftlichen
Bedingungen stellt der Projektunterricht dar.
b) Lernpsychologische Vorteile
Gelingt der Projektunterricht und handeln
die Schüler selbst als Verantwortliche, kann man immer wieder beobachten,
dass sie mit großem Eifer und Nachdruck an einer Sache arbeiten.
Sie handeln aus eigenem Interesse heraus, wenn eigenen Bedürfnisse
und Wünsche eingebracht werden können. Das ganzheitliche Handeln
mit Kopf, Hand und Herz verknüpft das Emotionale mit dem Rationalen,
wobei die Emotionen als Motor für ein zielgerichtetes, motiviertes
Handeln dienen. Die Interdisziplinarität, d.h. die Beteiligung vieler
Fächer betont die Ernsthaftigkeit des Projekts und stellt vernetztes
Denken her. Sind die Schüler auf ein Produkt orientiert (z.B. eine
Ausstellung) möchten sie ihr Werk vollenden und stellen eigene Ansprüche
an ihre Tätigkeit. Wenn sie dann am Ende merken, dass Schule etwas
verändern kann, dann sehen sie in ihr ein Ort der Zukunft. Das gemeinsame
Handeln und Reflektieren erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl
und fördert die soziale Kompetenz.
Die Ursprünge des Projektunterrichts bei John Dewey
Die Ursprünge des Projektgedankens für den Unterricht in der Schule lassen sich auf John Dewey (1859-1952) und seinen Schüler W.H. Kilpatrick (1871-1965) zurückführen. Diese Pädagogik des sogenannten "amerikanischen Pragmatismus" sucht danach, welche Erfahrungen, welches Handeln notwendig sind, um identitätsbildende Prozesse, die der Selbstverwirklichung des Heranwachsenden dienen, zu ermöglichen (Bastian).
Unter Erfahrung versteht Dewey die Summe aller Beteiligten, die zwischen einem menschlichen Wesen und seiner Umwelt bestehen. Diese Erfahrung hat zwei Seiten:
1. Die aktive Seite, d.h. das, was die
Menschen den Dingen tun und
2. die passive Seite, d.h. das, was die
Dinge den Menschen tun.
Durch Erfahrung lernen heißt demnach von den Dingen lernen und an den Dingen handeln. Daher gibt es eine individuelle Entwicklung der "Erziehung" und eine soziale Entwicklung der "Demokratie". Das Ziel menschlicher Entwicklung ist es, die Beziehung zu den Dingen zu durchschauen und damit planvoll und zielgerichtet zu handeln.
Nach Dewey kann Denken und Tun nicht voneinander getrennt werden. Daher sieht er in der Erfahrung im Tun mit den Dingen einen Motor für das Entwickeln neuer Erkenntnisse, die sich spontan aus einer Situation ergeben. Er folgert, dass Stoff und Methode nicht voneinander getrennt werden dürfen. Deweys "Methode der bildenden Erfahrung" eignet sich vor allem auch für den naturwissenschaftlichen Unterricht, auf den sich Dewey immer wieder bezieht und die sich durch folgende Phasen kennzeichnet:
1. Die Sache ist für den Erwerb von
Erfahrung (für Schüler) geeignet und orientiert sich an den Interessen
der Schüler. Daraus entsteht eine Problemstellung.
2. Die Schüler verschaffen sich das
notwendige Wissen und entwickeln einen gemeinsamen Plan zur Lösung
des Problems.
3. Die Lösungen werden diskutiert
und gedanklich durchgespielt. Es eignen sich auch Plakate, Modelle, Rollenspiele,
Interviews, Erkundungsgänge, öffentliche Aktionen.
4. Die gedanklichen Lösungen werden
experimentell und praktisch in der Wirklichkeit, im alltäglichen Leben
erprobt.
Eine wirkliche Erfahrung kann sich nach Dewey nur aus dem täglichen Leben ergeben. Ein echtes Problem entsteht immer dann, wenn die Situation, bzw. das Ergebnis offen ist und nicht auf Anhieb gelöst werden kann. Jede erreichte Veränderung bei den Beteiligten ist eine realisierte Lösung in der Wirklichkeit. Dann hat ein "vollständiger Denkakt" (Dewey) stattgefunden.
Für Dewey darf der Lernprozess nicht
nur einen bloßen Selbstzweck verfolgen, sondern er ist immer ein
Mittel zur Veränderung und Gestaltung von Schule und Gesellschaft.
Jeder Unterricht, in dem die Ziele von den Beteiligten selbst verwirklicht
werden und in dem eine Veränderung in Schule und Gesellschaft erreicht
wird, kann man als "Projektunterricht" bezeichnen. Gleichzeitig
ist Projektunterricht ein politisches Mittel auf demokratischem Weg die
Gesellschaft nachhaltig mitzugestalten und zu verändern.
Projektwochen, eine sinnvolle Ergänzung?
Oft wird an der herkömmlichen Praxis kritisiert, dass die Projektwochen zeitlich begrenzt sind und nicht nachhaltig genug wirken, da sie nicht wirklich in den Unterricht integriert sind. Nicht selten tragen engagierte Lehrer die ganze Verantwortung oder sie bieten einfach ihre Hobbys an ohne die Interessen der Schüler zu berücksichtigen.
Nach meiner Einschätzung sind Projektwochen nur dann sinnvoll, wenn sie als tragende Säulen des Jahresunterrichts angesehen werden, z.B. wenn zwei Wochen lang nur ein einziges Thema unterrichtet wird. Das Legen einer Projektwoche an das Ende des Schuljahres erscheint mir daher genauso wenig sinnvoll, wie das Abschieben von Projekten auf die Nachmittage.
Eine Projektwoche kann bis zu 10 Unterrichtstage dauern und zeichnet sich dadurch aus, dass die gesamte Schule daran teilnimmt. Die einzelnen Projektgruppen stellen einen Plan auf, am Ende findet ein Präsentationstag statt. Der Ablauf einer Projektwoche kann sich folgendermaßen darstellen:
1. Projektinitiative (ca. 20% der Zeit)
2. Projektskizze
3. Projektplanung
4. Projektdurchführung
5. Abschluss
zu 1. Projektinitiative
An der Projektinitiative nehmen alle Beteiligten
als Verantwortliche teil. Sie teilen sich ihre Ideen und Erwartungen mit.
Ein wesentliches Merkmal ist die offene Ausgangslage. Wie und ob das Projekt
überhaupt zustande kommt, bleibt zunächst offen. In dieser Phase
kann Brainstorming eingesetzt werden. Dabei äußert jeder eine
Idee, wobei möglichst spontane Einfälle von Vorteil sind. Eine
Diskussion findet erst nach Ende des Brainstorming statt. Eine andere Möglichkeit
wäre das Schildern eines Problems oder eines Phänomens (Wagenschein).
Auch daraus kann sich eine Idee ergeben. In dieser Phase macht die Lehrkraft
transparent, wie weit sie zu einer Öffnung des Unterrichts bereit
(oder nicht bereit) ist.
zu 2. Projektskizze
In der Projektskizze legen die Teilnehmer
fest, was in etwa getan werden soll und welche Vereinbarungen über
den Umgang miteinander getroffen werden. Die Verfahrensregeln können
auf einem Plakat dargestellt werden.
zu 3. Projektplanung
Die Teilnehmer teilen nun einander mit,
was sie tun möchten. Sinnvoll ist auch die Auswahl von Vorbereitungsgruppen,
die wesentliche Elemente der Planung organisieren.
zu 4. Projektdurchführung
Bei der Ausführung des Vorhabens
sind organisatorische Schnittstellen notwendig:
Fixpunkte: In einem bestimmten
Rhythmus werden Abschnitte festgelegt, in denen sich die Teilnehmer über
die bisherige Arbeit informieren und weitere Schritte organisieren.
Metainteraktion: Die Projektteilnehmer
beschäftigen sich mit dem Geschehen in der Gruppe und mit Problemen,
die eventuell auftreten. Die Metainteraktion findet regelmäßig
statt und dient der Lösung von Konflikten und Beziehungsproblemen.
zu 5. Beendigung des Projekts
Für den Abschluss eines Projekts
existieren eine Vielzahl an Möglichkeiten. Es kann die Herstellung
eines Produkts sein, aber auch einfach nur eine Reflexion über den
Vorgang des Prozesses, was während des Projekts stattgefunden hat.
Im Idealfall hat das Projekt Nachhaltigkeit bewirkt, d.h. die Teilnehmer
arbeiten an dem Thema auch danach und außerhalb der Schule weiter.
Projektmethode
und projektorientierter Unterricht
Herbert Gudjons macht die Projektmethode
an 10 Merkmalen fest, die im folgenden genannt werden:
1. Situationsbezug und Lebensweltorientierung
an Schülern
2. Orientierung an den Interessen und
Wünschen der Beteiligten
3. Selbstorganisation und Selbstverantwortung
4. Gesellschaftliche Praxisrelevanz: Die
Schüler schaffen ein Stück gesellschaftlicher Wirklichkeit (nach
Dewey)
5. Zielgerichtete Projektplanung
6. Produktorientierung
7. Ganzheitlichkeit und Einbeziehen vieler
Sinne
8. Soziales Lernen findet statt
9. Interdisziplinarität
10. Grenzen werden beachtet, d.h. nicht
jedes Thema eignet sich für ein Projekt
Beim Farbenprojekt
habe ich einen ähnlichen 10-Punkte-Katalog aufgestellt, der einen
noch höheren Anspruch an Lernprozesse geltend macht. Diese Kataloge
stellen die Projektmethode in einer idealen Reinform dar. Meistens lässt
der Schulalltag jedoch nicht eine solche Reinform zu, und man wird Kompromisse
machen müssen. In einem solchen Fall, wenn die Merkmale nur teilweise
verwirklicht werden, spricht man von einem projektorientierten Unterricht.
Zur Einführung eines projektorientierten
Unterrichts eignen sich alle Formen, die handlungsorientiert sind, z.B.:
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