mit freundlicher Genehmigung
und Unterstützung von Walter Däpp (Zeitung:
Der BUND)
Hinweis: Diesen
Text gibt es auf der CD-ROM
als leicht gekürzte pdf-Version zum Einsatz in der Schule.
Hitze, Trockenheit, Gletscherschwund:
Sind derart heiße Sommer bald Normalität? Der Sommer 2003 passt
jedenfalls „genau in die Szenarien, wonach Extremsituationen häufiger
werden“, sagt der Berner Geografieprofessor Hans Kienholz.
Das gegenwärtig enorme Abschmelzen
der Gletscher ist für Professor Hans Kienholz, Geomorphologe und Spezialist
für Naturgefahren im Geografischen Institut der Universität Bern,
fatal. „Dies bedeutet“, sagt er, „dass ein weiterer Teil unseres Wasserspeichers,
eines für uns großen Kapitals, schwindet. Wir leben im Moment
also gewissermaßen von den Zinsen: Wir zehren nicht von dem im vergangenen
Winter auf den Gletschern abgelagerten Schnee, sondern von der Substanz,
vom Gletschereis selber, die Masse der Gletscher nimmt massiv ab.“
Dies freue im Moment zwar die Kraftwerke,
weil sie mit dem vielen Schmelzwasser aus den gefüllten Stauseen günstig
weit herum gefragten und deshalb teuren Sommerstrom produzieren könnten,
doch auch ihnen sei natürlich bewusst, dass sie dabei einen Teil ihres
- in Form von Gletschereis gespeicherten - Kapitals verzehren.
Sehr viel Gletscherwasser
In den Gletschern fließe derzeit
auch in tiefen Bereichen sehr viel Schmelzwasser. Dieses erwärme das
umgebende Gletschereis, so dass derzeit sehr viel Gletscherwasser sehr
schnell abfließe - in die Bäche: „Zum Beispiel die von Gletschern
gespeiste Lütschine ist derzeit platschvoll, die Emme dagegen, die
nicht aus einem Gletscher-Einzugsgebiet kommt, ist bloß noch ein
Rinnsal.“
Kienholz sorgt sich zwar um das derzeit
stark Schwinden des Gletschereises, gleichzeitig relativiert er aber auch:
Es gebe immer wieder mal heiße und trockene und dann wieder niederschlagsreiche
Sommer. Der Sommer 2003 sei zwar sehr extrem, er sprenge alle bisherigen
Werte. Doch ein einzelner extremer Sommer dürfe nun nicht einfach
mit dem Klimawandel gleichgesetzt werden, doch: „Er passt aber genau in
die Szenarien, wonach Extremsituationen häufiger werden dürften.“
Die Variabilität des Klimas
Die Arbeitsgruppe Naturgefahren des Kantons
Bern, der auch Professor Hans Kienholz angehört, hat in einer Broschüre
über Klimawandel und Naturgefahren vor zwei Jahren prophezeit, mit
der „treibhausbedingten Zunahme der sensiblen und latenten Energieanteile
in der Atmosphäre“ würden künftig auch Extremereignisse
zunehmen. Einzelnen Naturereignissen sei allerdings nicht viel Bedeutung
beizumessen: „Das Klima hatte und hat eine sehr große Variabilität,
und das wird auch in Zukunft nicht anders sein. Unabhängig von der
globalen Erwärmung sind deshalb sowohl Anzahl als auch Intensität
von Extremereignissen starken Schwankungen unterworfen, und der generelle
Trend ist in manchen Bereichen nur sehr schwer erkennbar.“
Ein Faktum sei aber die globale Klimaerwärmung:
Die mittlere Oberflächentemperatur der Erde werde weiter ansteigen
- im Extremfall um mehr als 5 Grad Celsius bis ins Jahr 2100.
Gletscher werden verschwinden
Diese Klimaerwärmung wird in der
Schweiz eben gerade an den Gletschern sichtbar. „Wenn ich etwa den Aletschgletscher
betrachte“, sagt Kienholz, „den massiven Rückgang seiner Mächtigkeit,
dann tut mir das weh. Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten
Jahren viele kleine Gletscher verschwinden werden.“
Im Gebirge führe auch das Auftauen
des Permafrosts - des ganzjährig gefrorenen Bodens oder Untergrund
- zu Problemen. Dass die Permafrostschicht im Sommer an ihrer Oberfläche
auftaue, sei üblich. Doch in diesem heißen Sommer werde diese
Schicht bis in tiefere Bereiche hinein aufgetaut, was zu zusätzlichen
Instabilitäten von Hängen und Felsen führen könne.
„Im Fels zum Beispiel“, sagt Kienholz, „können zugefrorene Klüfte
auftauen. Sie werden dann bis in tiefere Bereiche erneut mit Wasser gefüllt,
und wenn sie wieder gefrieren, wird auch dort die Verwitterung durch die
Frostwechsel intensiver.“ Tendenziell führe dies zu vermehrten und
allenfalls größeren Steinschlagphänomenen. Die Arbeitsgruppe
Naturgefahren des Kantons Bern sei zum Schluss gekommen, dass „weite Bereiche
oberhalb der Waldgrenze, in denen der Boden bislang das ganze Jahr hindurch
gefroren blieb, auftauen werden.“
Gibt es Überschwemmungen?
Nach dem heißen und trockenen Sommer
2003 befürchtet Hans Kienholz nun bei plötzlichen heftigen Niederschlägen
Überschwemmungen. Die „Feinporen“ des Bodens, die Bereiche, die von
einer Pflanzenwurzel erschlossen werden können, seien heute mehr oder
weniger ausgetrocknet - und zwar so, dass sie bei heftigem Regen nicht
in der Lage seien, das Wasser aufzunehmen. Auf tonig-lehmigem Boden seien
jedoch oft Schrumpfrisse aufgebrochen: Diese würden, zusammen mit
anderen Makroporen (Wurmgänge, usw.) sogleich mit Wasser aufgefüllt,
das dann sehr schnell zirkuliere und mit nur geringer Verzögerung
in den nächsten Bach gelangen könne. Weil gleichzeitig die Feinporen
kaum Wasser aufnehmen können, kommt es zu einem sehr schnellen Abfluss
des Wassers - was lokal zu Rutschungen und Hangmuren und schließlich
zu Hochwasser führen kann. Kienholz hofft nun auf eine „sanfte, längere
Regenperiode“ - so, dass sich „das System anpassen und allmählich
wieder Wasser aufnehmen kann.“
Schleichende Veränderungen
Grundsätzlich relativiert er jedoch
die Folgen einzelner Extremereignisse wie eben des Hitzesommers 2003. Gravierender
seien die schleichenden Veränderungen. In der Schweiz werde man vor
allem mit wärmeren und feuchteren Wintern zu rechnen haben: Die Schneegrenze
steige an, die Gletscher zögen sich weiter zurück, die Gebiete
mit Permafrost würden kleiner, bei intensiven Niederschlägen
nehme die Gefahr von Hochwassern und Massenbewegungen (Steinschläge,
Felsstürze, Bergstürze, Hangrutschungen) zu.
Es sei wichtig, diese Gefahren früh
zu erkennen und zu beurteilen, ihre Risiken zu mildern. Wobei dies allerdings
nur Symptombekämpfung sei. „Ursachenbekämpfung wäre besser“,
sagt Kienholz, „doch dann sind auf allen Ebenen Maßnahmen nötig.“
Seit Jahrzehnten warnten Wissenschaftler vor den Folgen des Treibhauseffekts,
des übermäßigen Ausstoßes an Treibhausgasen -“mit
bescheidenem Erfolg.“ Der Natur sei dies im Übrigen wahrscheinlich
egal - sie werde die Menschen überleben.