vorherige Seite        zum Inhaltsverzeichnis       nächste Seite
 
Impressionismus: Paul Cézanne
 verwandte Seiten: Expressionismus, Farbe, Impressionismus, Monet, van Gogh
 
Paul Cézanne wurde im Jahre 1839 in Aix-en-Provence geboren. In seiner Jugendzeit verband ihn eine enge Freundschaft mit dem späteren Schriftsteller Emile Zola und dem Ingenieur Jean-Baptiste Baille. Nachdem er zuerst gegen seinen eigenen Willen ein Jurastudium auf Drängen seines Vaters begonnen hatte, lernte er 1861 Camille Pissaro (1830-1903) kennen und trat in die Aixer Zeichenschule ein.
 
 
Selbstbildnis, 1875-1877
 
Ein Jahr später, nach Abbruch des Studiums, errichtete der eigenwillige Paul ein eigenes Atelier. Bei einer Reise nach Paris bewarb er sich bei der Künstlerschule École des Beaux-Arts und wurde abgelehnt. Man sagte ihm, er habe "das Temperament eines Koloristen, er übertreibe aber". Cézanne bekam in der Folgezeit von allen Ausstellungen des Salons in Paris Absagen.
 
An der ersten Gegenausstellung, die von den abgelehnten Künstlern des Impressionismus im Jahre 1874 organisiert wurde, konnte er ein einziges Bild verkaufen. Sein Freund Emile Zola veröffentlichte 1886 einen Roman ("LOevre"), der von einem gescheiterten Künstler handelte. Cézanne brach daraufhin die Beziehung zu Zola ab. Er sollte erst im Alter zu Ruhm und Ehre kommen.
 
Im Jahre 1870 war Cézanne in das bei Marseille gelegene Fischerdorf L'Estaque gezogen und hatte sich an der felsigen Mittelmeerlandschaft berauscht. Das Bild "Die Schneeschmelze" wird von dunklen Farben bestimmt. Die schräge Lage des Schneefeldes und die düsteren Pinien, die vom Mistral aufgebläht werden, verleihen dem Bild Dramatik und etwas Bedrohliches, was wohl der damaligen Seelenlage des Künstlers entsprach. Die einzige Wärme geht von den rötlichen Dächern der drei Häuser in der Bildmitte aus.
 
 
Schneeschmelze bei L'Estaque, Ölfarben, 1870
 
Nach zwei Jahren kehrte Cézanne mit seiner Familie nach Paris zurück und nahm etwas später eine Einladung von Pissaro nach Pontoise im Tal der Oise an. Während dieser fruchtbaren Zeit erreichte Pissaro, dass Cézanne die dunklen Farben von seiner Farbpalette verbannte. Er gab dem Freund viele, gute Ratschläge:

"Arbeiten sie Stück für Stück, tragen sie überall Farben auf in genauer Beobachtung der Tonwerte im Verhältnis zur Umgebung. Malen sie mit kleinen Pinselstrichen, und versuchen sie, ihre Wahrnehmungen sogleich festzuhalten. Das Auge darf sich nicht auf einen bestimmten Punkte konzentrieren, sondern muss alles aufnehmen und dabei die Reflexe der Farben auf ihre Umgebung beachten. Arbeiten sie nebeneinander am Himmel, am Wasser, an den Zweigen und an der Erde, und verbessern sie immer wieder, bis das Ganze stimmt. Bedecken sie schon in der ersten Sitzung die ganze Leinwand, und arbeiten sie, bis es nichts mehr hinzuzufügen gibt. Beobachten sie die Luftperspektive genau vom Vordergrund bis zum Horizont, den Widerschein des Himmels und des Laubs.
 
Haben sie keine Angst, kräftig Farbe aufzutragen; verfeinern sie nach und nach die Arbeit. Gehen sie nicht nach Regeln und Prinzipien vor, sondern malen sie, was sie wahrnehmen und empfinden. Malen sie flott und ohne Zögern, denn es ist wichtig, den ersten Eindruck festzuhalten. Nur keine Schüchternheit vor der Natur! Man muss kühn sein, auch auf das Risiko hin, sich zu irren und Fehler zu machen, Es gibt nur einen Lehrer: die Natur..." (Zitat von Pissaro, entnommen aus: Becks-Malorny, 1995)
 
1876 hielt er sich erneut in L'Estaque auf und malte diesmal freundlichere Bilder. Er erinnerte sich an die Ratschläge von Pissaro und vertiefte sich vor dem Malen in einen langen Akt des Schauens. Im "Meer bei L'Estaque" (1876) drängen die Dächer und Wände der Häuser mit warmen Farben (Rot und Gelb) in den Vordergrund, während die Komplementärfarbe Blau von Himmel und Meer eher "kalt" wirken und somit die Behausungen der Menschen besonders hervorheben. Cézanne schrieb in einem Brief an Pissaro:
   
"Es ist hier wie eine Spielkarte. Rote Dächer vor dem blauen Meer... Es sind Olivenbäume und Pinien, die immer ihr Laubwerk behalten. Die Sonne ist hier so fürchterlich, dass mir scheint, als ob alle Gegenstände sich als Silhouetten abhöben, und zwar nicht nur in Schwarz und Weiß, sondern in Blau, in Rot, in Braun, in Violett" (Cézanne, 1876, in: Becks-Malorny, 1995, S. 39).
 

 
Das Meer bei L'Estaque, Ölfarben, 1876

Im Gegensatz zu den anderen Impressionisten war Cézanne ab ca. 1880 nicht mehr bereit, auf die Form zugunsten der Farbe vollständig zu verzichten. Er malte zahlreiche Stillleben und Portraits. Die "blaue Vase" (1885-1887) stammt aus dieser Zeit. Vase, Teller und Apfel erhalten eine genaue Modellierung und sind fest auf dem Tisch angeordnet. Die breite Pinselführung, z. B. auf der Vase, ermöglicht das Abtönen von Lichtwerten, wodurch der Eindruck von Räumlichkeit entsteht. Licht und Schatten erreicht der Künstler nicht mit Schwarz und Weiß, sondern durch das Abtönen der Farben: Der Schatten auf der linken Seite der Vase erscheint grün, der Schatten des Tellerrandes violett.
 

 
Die blaue Vase, 1885-1887
 
Ende der Achtziger Jahre zog Cézanne wieder nach Aix. Dort entstanden die berühmten Bilder des Berges von Sainte-Victoire, den Cézanne in allen Variationen immer wieder malte.
 
Die feste Bildanordnung wird jetzt nicht mehr durch die Ränder von Gegenständen begrenzt, sondern durch die Farben. Grenzen der Farben sind auch Grenzen der Form. Das Licht wird allein durch die Farbe wiedergegeben. Größte Helligkeit wird durch größte Farbintensität wiedergegeben. Die hellen und dunklen Farbflecken fließen nicht, sondern sind ein Ort der Ruhe.

"Die Natur ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe. Die Farben sind der Ausdruck dieser Tiefe an der Oberfläche. Sie steigen aus den Wurzeln der Welt auf. Sie sind ihr Leben, das Leben der Ideen." (Zitat von Cézanne).
 
An manchen Stellen hat der Maler die Leinwand durchscheinen lassen, ohne Ölfarbe aufzutragen. Die weißen Felder betonen die Zweidimensionalität der Farbe und verleihen ihr somit mehr Ausdruckskraft.
 

 
Montagne Sainte-Victoire, Ölfarben, 1904-1906
 
In den letzten Lebensjahren erzielten die Bilder des Künstlers zwar ansehliche Preise, doch er zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Am 22. Oktober 1906 starb Cézanne in Paris an einer Lungenentzündung, nachdem er beim Malen in ein Unwetter geraten war. Zuvor noch waren seine Bilder im Pariser Salon mit großem Erfolg ausgestellt worden.
 
 
nächste Seite: Vincent van Gogh
 
 

Andere Internetseiten

Paul Cézanne im Web-Museum

 
 
Copyright (Text): T. Seilnacht