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Das
Konfliktlösungsmodell nach Becker
von Thomas Seilnacht
Nach Becker liegt ein Konflikt vor, wenn
einer der Beteiligten eine Belastung verspürt, wenn es eine Auseinandersetzung
oder eine Schwierigkeit gibt, die eine starke Beeinträchtigung der
beteiligten Personen mit sich bringt. Nach Becker empfiehlt sich ein schrittweises
Vorgehen, um Konflikte besser zu verstehen und lösen zu können.
Nach dem Erkennen eines Konflikts, ist zu überlegen, wie sich der
Konflikt darstellt. Es ist manchmal von Vorteil, wenn die beteiligten Personen
bereits schon zu diesem Zeitpunkt mit einbezogen werden. Bei der Einschätzung
eines Konflikts spielen auch das Alter der Schüler und die Zusammensetzung
der Gruppe eine Rolle. Becker empfiehlt folgende „Handlungsmatrix“:
Schritt 1: Konflikt beschreiben
-
Wie stellt sich der Konflikt dar, worin liegt
das Problem?
-
Welches sind die Bedingungen, die den Konflikt
fördern?
-
Spielen Rahmenbedingungen eine Rolle (Elternhaus,
Entwicklungsgeschichte)?
-
Welche Probleme bestehen in den sozialen Beziehungen
zwischen den Beteiligten?
Kennzeichnend für diese Phase ist die
Erkenntnis, dass die Beteiligten die Konflikte oft sehr unterschiedlich
wahrnehmen. Jeder fühlt sich im Recht, denn der emotional aufgeladene
Konflikt selbst verhindert geradezu das Einfühlen in andere Personen.
Schritt 2: Betroffenheit einschätzen
-
Liegt überhaupt ein ernsthafter Konflikt
vor?
-
Wie bedeutend ist der Konflikt?
-
Wie stark ist die Beeinträchtigung?
Scheinkonflikte lösen sich in dieser
Phase oft von alleine, kurzzeitige Randkonflikte können zunächst
ignoriert werden. Bedeutend sind Zentralkonflikte oder gar Extremkonflikte.
Besonders schwierig wird es, wenn einer der Beteiligten zu keiner Zusammenarbeit
bereit ist.
Schritt 3: Erstverhalten festlegen
Man darf nicht erwarten, dass sich größere
Konflikte durch ein einfaches Gespräch innerhalb von einer halben
Stunde lösen lassen. Der Prozess benötigt Zeit und viele Gesprächsmöglichkeiten.
Das Sprechen über das Ereignis ist jedoch immer ein erster Schritt
zur Konfliktbewältigung. Kann aufgrund äußerer Umstände
nicht sofort über einen Konflikt ausführlich gesprochen werden,
hilft auch eine mündliche Mitteilung über die Feststellung des
Konflikts und dass man darüber nachdenken wird. Dieser Handlungsaufschub
dient im wesentlichen dazu, Zeit zu gewinnen und einen Handlungsplan zu
erstellen.
Schritt 4: Methode festlegen
Scheinkonflikte kann jeder für sich
alleine bewältigen, Randkonflikte werden mit dem betroffenen Partner
gelöst. Zentralkonflikte betreffen immer eine Gruppe und bei Extremkonflikten
werden Experten hinzugezogen.
Schritt 5: Befragung durchführen
Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden
alle beteiligten Personen zu einem Gespräch zusammenkommen. Es empfiehlt
sich zunächst die Durchführung einer Befragung. Diese macht den
Schülern den Konflikt bewusst. Sie können dabei auch Bedürfnisse
und emotionale Betroffenheit äußern.
Beispiel einer Befragung als Interview
am Anfang der 9. Klasse im Fach Chemie:
-
Welches Verhältnis hat die Person zum
Fach Chemie?
-
Warum hat diese Person dieses Verhältnis?
-
Was sollte in einem guten Chemieunterricht
gemacht werden?
oder spezieller nach ein paar Wochen:
-
Was stört mich am Unterricht?
-
Was stört mich an der Klasse?
-
Was könnte man anders machen?
-
Wie sollen sich die Beteiligten in bestimmten
Situationen verhalten?
Es besteht auch die Möglichkeit einer
Unterrichtsdiagnose oder einer Darstellung, wie Schüler Unterricht
erleben.
-
In unserem Unterricht wird viel/manchmal/wenig
gestört.
-
Der Stoff ist zu schwierig/angemessen/zu leicht.
-
Die Schüler sind mit dem Unterricht sehr
zufrieden/zufrieden/unzufrieden.
-
Der Lehrer verhält sich fair/meistens
fair/unfair.
Diese Befragungen wirken an der Lösung
von Konflikten mit (auch vorbeugend), weil sich die Schüler ernst
genommen fühlen. Sie ermöglichen der Lehrkraft auch eine gute
Rückmeldung. Entscheidend dabei ist, dass die Lehrkraft bereit ist,
ihre eigene Person mit einzubeziehen. Sie ist sich bewusst:
-
Wie definiere ich meinen Umgang mit den Schülern?
-
Wie verhalte ich mich in bestimmten Situationen?
-
Worin liegt mein Unterrichtskonzept?
Schritt 6 und 7: Nach den Ursachen fragen
und Informationen beschaffen
Nach der Befragung wird nach den Ursachen
für den Konflikt geforscht. Dabei kann man sich auch zusätzliche
Informationen beschaffen, z.B. aus der Literatur.
Schritt 8: Perspektiven wechseln
Durch das Äußern der Betroffenheit
einzelner Personen findet ein Perspektivenwechsel statt. Es ermöglicht
das bessere Einfühlen in die Situation und mögliche Verhaltensweise
der Gesprächspartner.
Schritt 9. Zielsetzungen abklären
Die Beteiligten überlegen sich zu
diesem Zeitpunkt, ob sich die Ursachen zur Entstehung des Konflikts beseitigen
lassen. Außerdem klären sie ab, welche Ziele sie sich zur Lösung
des Konflikts setzen. Kann der Konflikt ganz beseitigt werden oder setzt
man sich ein Ziel der „kleinen Schritte“?
Schritt 10: Handlungsmöglichkeiten
suchen
Im Hinblick auf die gesetzten Ziele werden
Handlungsmöglichkeiten gesucht und gesammelt. Dabei können auch
spontane Einfälle geäußert werden.
Schritt 11: Handlungsmöglichkeiten
prüfen
Die vorgeschlagenen Möglichkeiten
werden diskutiert und überprüft. Erweist sich die vorgeschlagene
Vorgehensweise als brauchbar, gelangt man zum letzten Schritt.
Schritt 12: Handlungsfolge konzipieren
Ein Handlungsplan legt fest, wer wann
und wie handelt. Es können auch Verträge geschlossen oder bestimmte
Verhaltensregeln im sozialen Umgang festgelegt werden.
Beurteilung des Stufenmodells nach
Becker
Das Aufstellen einer Reihenfolge von Handlungsmöglichkeiten
stellt ein wichtiges Werkzeug zum Umgang mit Konflikten dar. Konflikte
lassen sich aufgrund ihrer Eigendynamik aber nicht immer durch schrittweise
festgelegte Verfahrensregeln lösen. Das Modell nach Becker berücksichtigt
etwas zu wenig die Probleme der Sprache und der Kommunikation. Daher stellen
die Konzepte von Schulz von Thun und Thomas
Gordon eine sinnvolle Ergänzung dar.
Empfehlenswerte Literatur:
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Georg E. Becker: Lehrer lösen Konflikte,
Beltz-Verlag