| Inhaltsverzeichnis:
1. Pädagogik der Physik 2. Pädagogische Biographie 3. Die großen Unterrichtsprinzipien 3.1 Das Exemplarische Prinzip 3.2 Das Genetische Prinzip 3.3 Verstehen Lehren 4. Das Elementare, das Fundamentale und das Moment der Bildung 5. Eine Konzeption für morgen? Literatur |
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Man könnte vermuten, dies wäre
ein didaktisches Programm und noch nicht ein pädagogisches, zumal
sich Wagenschein im wesentlichen auf das Physik- und Mathematiklernen beschränkt
und seine Konzeption von Unterricht nicht von dessen Inhalten abgespalten
hat. Die pädagogische Dimension der Physik, der das Bemühen Wagenscheins
gilt, schließt aber das Erzieherische ein; sie ist fundiert durch
eine Anthropologie und getragen von der Dynamik seiner Idee von Bildung:
In der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wird der Mensch selbst verändert
und gewinnt ein neues Verhältnis zu den Dingen. "Formatio" nennt Wagenschein
das (im Anschluss an Simone Weil) und distanziert sich damit von der Beliebigkeit
eines abgegriffenen Bildungsbegriffs. Die anthropologische Begründung
betrifft den Zusammenhang von Lernen und Verstehen. Die Lernlust der Kinder
sieht Wagenschein getragen von der Hoffnung, dass man gewohnte wie auch
irritierende Phänomene der physischen Welt einholen kann in die Welt
des Vertrauten, dass man sie durchschauen und "dahinterkommen" kann.
Das erzieherische Moment verbindet er
vor allem mit dem Weg, auf dem wir Kindern oder Jugendlichen das Physikalische
eröffnen. Der Anfang des traditionellen Weges wird von den Grundbegriffen
und Strukturen eines meist nicht ganz neuen Wissenschaftsstandes aus geplant.
Der andere Weg, den Wagenschein empfiehlt, wird gesucht, indem man zusieht,
wie aus "jungen Kindern durch die Begegnung mit absonderlichen Naturphänomenen
ursprüngliche Ansätze physikalischen Verstehens herausgefordert
werden." (Wagenschein 1990, S. 9) Wagenschein ermutigt uns, Kinder nicht
zu unterschätzen. Erziehender Unterricht nimmt Kinder in die Disziplin
der Sache: "Sie sind schon von sich aus 'wissenschaftsorientiert' und bleiben
es, wenn wir ihnen nicht den Wind aus den Segeln nehmen durch ein Übermaß
an Belehrung." (1990, S. 9)
2.
Pädagogische Biographie
Zweifellos steckt in der Pädagogik
Wagenscheins ein reformpädagogisches Potential. Seine pädagogischen
Vorstellungen stehen in enger Wechselwirkung mit seiner Lebensgeschichte.
Martin Wagenschein wurde am 3. Dezember 1896 geboren und wuchs in der Nähe
von Gießen auf. Promotion in Physik (1921). Entscheidend für
sein Lebenswerk wurden die Heirat mit der künstlerisch gestimmten
Wera Biermer und eine etwa zehnjährige Tätigkeit an der Odenwaldschule
Paul Geheebs. "Die Odenwaldschule hatte meinen Lebensweg im Pädagogischen
verwurzelt. Dass ich dann, auch später, ohne sie und bis heute, die
Fühlung mit dem anfänglichen Denken auch der jungen Kinder nicht
verlor, verdanke ich einem zweiten und nicht geringeren Einfluss, dem meiner
Frau" (1980, S. 86), als der "Bewahrerin und Hüterin kindlichen Denkens,
die mit verstehender und prüfender Hilfe meine Arbeit seit Jahrzehnten
begleitet." (1965, S. 5)
Es folgte eine mehr als zwei Jahrzehnte
währende Tätigkeit an öffentlichen Schulen, davon mehrere
Jahre als Fachleiter in Darmstadt. Seit 1950 war Wagenschein Lehrbeauftragter
für praktische Pädagogik an der TH Darmstadt. 1956 wurde er zum
Honorarprofessor an der Universität Tübingen ernannt, außerdem
war er Lehrbeauftragter für Didaktik der exakten Wissenschaften an
der Universität in Frankfurt.
Weitere Stationen im Leben Wagenscheins:
Sehr bestärkt sah sich Wagenschein
durch den Mathematiker Alexander Israel Wittenberg und dessen Buch "Bildung
durch Mathematik" (1963). Mit ihm "hatte ich ... einen jüngeren ...
Mathematiker neben mir, der nicht beiläufig, sondern mit seiner ganzen
persönlichen Identität auf Änderung aus war." (1989b, S.
77) Die erhoffte Änderung bezog sich auf eine exemplarisch-genetische
Ausrichtung des Unterrichts.
Es gab bedeutungsvolle Begegnungen und
briefliche Kontakte mit Otto Friedrich Bollnow, Wilhelm und Andreas Flitner,
Eduard Spranger, Theodor Lift, Hermann Nohl, Wolfgang Metzger u.a.. Einen
ersten Höhepunkt erreichten solche Verbindungen anlässlich des
"Tübinger Gesprächs" (1951; vgl. Wagenschein 1965, S. 204 ff.),
an dem u.a. die Physiker C. F. von Weizsäcker und W. Gerlach, der
Historiker H. Heimpel, die Pädagogen W. Flitner und E. Spranger beteiligt
waren. Anlass war der Widerstand gegen die schulenüberflutende Stofffülle.
Die "Tübinger Resolution" empfiehlt das Exemplarische Prinzip als
ein Prinzip der Stoffbeschränkung und Konzentration. Wagenschein notierte
dazu: " ... bestärkt durch so viele und, wie man meinen sollte, mächtige
Verbündete, wurde mir jetzt klar, dass ich vor allem das Exemplarische
Prinzip in einzelnen Themen in Angriff nehmen sollte ... Ich hatte es ja,
wenn auch ohne diesen Namen, schon seit 1924 in der Odenwaldschule praktiziert."
(1989b, S.67)
Es folgte eine rege Vortragstätigkeit
Wagenscheins zu diesem Thema, und 1962 erschien schließlich - angeregt
durch W. Flitner - Wagenscheins grundlegendes Hauptwerk: Die Pädagogische
Dimension der Physik.
3.
Die großen Unterrichtsprinzipien
3.1 Das Exemplarische Prinzip
Das Exemplarische war das große
Thema Wagenscheins in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Er forderte
eine "neue Art des Lehrens und Lernens" (1965, S. 208; 1989a, bes. S. 27
ff.) und machte nachdrücklich auf ein Prinzip aufmerksam, das den
Vorrang des Verstehens vor aller Wissensanhäufung sowie die Konzentration
des Unterrichts auf das an Beispielen grundlegend erfahrbare Wesentliche
verlangt, also auf die entscheidenden Gesichtspunkte, Strukturen, Kategorien
und Methoden. Wir sollen eine begründete Auswahl treffen unter dem
Vielerlei der Möglichkeiten. Die Konzentration auf bedeutsame Beispiele
gibt dem Exemplarischen eine enlastende Funktion.
Hervorzuheben sind in unserem Zusammenhang
vor allem die Gesichtspunkte der thematischen Auslese, des motivierenden
Zugangs, der Vertiefung und der Mitwahrnehmung, die mit dem Exemplarischen
verbunden sind. Immer stellt sich die doppelte Frage: Was ist wichtig,
damit die Kinder hier und heute Kompetenz in unserer Lebenswelt bekommen;
die Welt, in der sie leben und handeln sollen, besser verstehen und auch
in Bereiche unserer Kultur eingeführt werden, welche nicht durch Alltag,
Straße und Fernsehen vermittelt werden? Und: Wie muss der Unterricht
geführt werden, damit sich die Persönlichkeit bildet in der Auseinandersetzung
mit den Sachen?
Exemplarisches Lehren und Lernen vollzieht
sich an Unterrichtsthemen, die als akzentuierte Beispiele den Kindern und
Jugendlichen Erkundungs- und Gestaltungsmöglichkeiten geben.2
Bedeutsame Beispiele eröffnen Zugänge nicht nur zu konkreten
physischen oder gesellschaftlichen Phänomenen, sondern auch zu dem,
was den einzelnen Fall als Allgemeines übergreift, d. h. zu dem, wofür
das Besondere des jeweils gewählten Themas ein konkretes Beispiel
ist. Das Übergreifende, die in unserer Kultur verankerten grundlegenden
und elementaren Vorstellungen, Denk- und Handlungsmuster, an
denen wir uns orientieren können
und die Ansatzpunkte des Weiterdenkens und -suchens bieten, soll den Kindern
an konkreten Themen sichtbar und verständlich gemacht werden. Exemplarisches
Lernen heißt, aus dem gegenwärtigen Beispiel für die Zukunft
zu lernen; es ist angelegt auf den Aufstieg vom Besonderen zum Allgemeinen.
Geltung und Reichweite von Wissenselementen,
Erklärungsmustern, Sichtweisen, Verfahrensstrategien erfahren die
Kinder durch immanente Wiederholung an anderen Fällen, vor allem aber
dadurch, dass das Gelernte (aktuell und im weiteren Verlauf des Curriculums)
in Zusammenhänge eingebunden wird. Der Modus der konzentriert-vertiefenden
Arbeit an einer Sache wird ergänzt durch den Modus des informierenden
(orientierenden) Unterrichts. 3
Das an Beispielen orientierte Lehren und
Lernen hat eine eröffnende und erschließende Funktion für
Wissen und Erkennen (Erkenntnisbildung), für die Grundlegung von Haltungen
(Bildung des moralischen Bewusstseins) wie auch für Benehmen und Geschmack
(Bildung der ästhetischen Urteilsfähigkeit).
Das Exemplarische verlangt eine sorgfältige
thematische Auslese solcher Beispiele, die ergiebig sind nach den Prinzipien
von Kindgemäßheit und Sachgemäßheit, d. h. die motivierend,
aber auch lohnend sind für eine produktive Auseinandersetzung der
Kinder mit Phänomenen und Problemen, die sie entdecken und bewältigen
können. Das Prinzip erfordert vertiefende Gründlichkeit in den
Kernpunkten, auf die es verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrern ankommen
muss. Damit steht es der neuen (postmodernen) Beliebigkeit der Entscheidungen
über Inhalte und den Aufbau des Curriculums entgegen.
Die gründliche Arbeit an Beispielen
erfordert jene Muße, die es erst möglich macht, dass die Kinder
bei einer Sache mit Freude und in gelöster Aufmerksamkeit verweilen
und aktiv so selbständig wie möglich mit Kopf und Hand gemeinsam
an ihr arbeiten können. Sie arbeiten dann nicht nur an den Inhalten,
sondern zugleich an ihren Lern- und Verstehensprozessen. Das Exemplarische
hat eine vertiefende und fundierende Funktion; es verwurzelt das Lernen
in erlebten Situationen.
Das Beispiel, das wir für den Unterricht
als eines den Ansprüchen des exemplarischen Prinzips genügendes
auswählen, soll zum "Spiegel des Ganzen" (Wagenschein) werden, d.
h. in seiner Bearbeitung geschieht das, was C. F. v. Weizsäcker als
"Mitwahrnehmung" bezeichnet hat. (1977, S. 137 ff.) Mit dem Besonderen
des einzelnen Unterrichtsthemas nehmen wir zugleich Allgemeingültiges
wahr, und wir gewinnen Ausblicke auf neue Fragen, Probleme und interessante
Themen. Insofern hat das Exemplarische eine motivierende und weiterführende
Funktion. Es ist ein Prinzip der inneren Verkettung des Allgemeinen mit
dem Besonderen.
3.2 Das Genetische Prinzip
Das Prinzip des Exemplarischen Lehrens
und Lernens wurde in der Pädagogik und in den aufkommenden Fachdidaktiken
in großer Breite rezipiert. Dabei konnten Missverständnisse
und Verflachungen nicht ausbleiben. Wagenschein reagiert auf diese Entwicklung
konstruktiv; er ergänzt und übergreift das Exemplarische durch
das Genetische. Die zweite große "Begriffsschrift" trägt den
Titel "Zum Problem des genetischen Lehrens" (1966, aufgenommen in Wagenschein
1989a).
Als genetisch bezeichnet man ein Unterrichtsverfahren,
das die Erfahrungen, Vorkenntnisse und Überlegungen der Lernenden
konstruktiv aufnimmt und zusammen mit ihnen Wege des Entdeckens sucht,
um gemeinsam zu gesichertem und verstandenem Wissen zu kommen. Das genetische
Prinzip bezieht sich also auf eine spezifische Lehrweise in exemplarischen
Unterrichtseinheiten, und es bezieht sich auf den Aufbau des Curriculums:
Es muss ein für die Kinder verständliches Fortschreiten in den
Inhalten des Unterrichts und für die Herstellung von Zusammenhängen
geben. Auch das Gewinnen der Fächerung, die sich am Ende der Grundschule
abzuzeichnen beginnt, ist als allmähliche Spezialisierung ein genetischer
Prozess. Genetisches Lehren ist Teil einer "Didaktik der Zugangswege" (K.
Giel).
In klassischer Weise hat John Dewey (1915)
den Grundgedanken des genetischen Lehrens so bezeichnet: "Der Weg zum Verständnis
eines verwickelten Produktes führt durch das Studium seines Werdeganges...
Indem wir es im Werden studieren, wird manches unserem Verständnis
zugänglich, das heute zu verwickelt ist, um unmittelbar erfasst zu
werden". Dabei ist der Ausgangspunkt "stets irgendeine gegenwärtige
Sachlage mit ihren Problemen". (Dewey 1964, S. 283 f.)
Nach Wagenschein führt genetisches
Lehren ohne Bruch vom Sehen zum Verstehen, vom Nachdenken über auffällige
Phänomene in die wissenschaftliche Erforschung von Sachverhalten.
Zugleich hält es den Rückweg zu der Fülle der konkreten
Erscheinungen offen und stärkt die Verwurzelung des Fühlens und
Denkens in den lebensweltlichen Erfahrungen der Kinder.
Genetischer Unterricht beginnt in der
Regel mit der Wahrnehmung von Phänomenen, die sich "sinnenhaft zeigen".
"Phänomene können nicht schon mit isoliertem Intellekt, sie müssen
mit dem ganzen Organismus ('mit dem ganzen Leibe') erfahren werden." 4
(Wagenschein 1989a, S. 143) Der Einstieg in das Thema hat die Funktion,
die Kinder an ein Phänomen oder eine Aufgabe so heranzuführen,
dass sie das Problem erkennen und zum Fragen, Sehen und Nachforschen angeregt
werden. Die Erarbeitung einer weiterführenden Einsicht geschieht wesentlich
im Gespräch und im erkundenden Handeln, in dessen Rahmen Experimente
entworfen und durchgeführt, Vermutungen überprüft, Vorstellungen
aufgebaut oder korrigiert und Übereinkünfte hergestellt werden.
Der Sinn des genetischen Unterrichts besteht
also darin, dass er es den Kindern (und Jugendlichen) ermöglicht,
einen Gegenstandsbereich produktiv zu bewältigen, d. h. grundlegende
Ideen und Strukturen durch eigene Aktivitäten hervorzubringen und
zu prüfen, insbesondere im Handeln und im kommunikativen Austausch.
In allen Phasen des Unterrichts gilt der Vorrang des Verstehens vor inhaltlicher
Fülle und unangemessener zeitlicher Einschränkung. Wenn Lernen
erfolgreich sein soll, muss sein (sprachlich fixiertes) Ergebnis im Licht
seiner Genese begriffen werden: Die Kinder wissen nun nicht nur etwas,
sondern sie wissen auch, wie sie (gemeinsam) zu diesem Wissen gekommen
sind. Genetischer Unterricht trennt die Ergebnisse nicht von ihren Entstehungsprozessen
ab, d. h. die Art und Weise, "wie man darauf kommen kann", ist Teil des
Wissens selbst.
3.3 Verstehen Lehren
Die Beschäftigung mit dem genetischen
Lehren führt Wagenschein zu einem verstärktem Interesse an der
Genese des Wissens und Verstehens bei jungen Kindem. Zusammen mit seiner
Frau sammelt er "Geschichten", die beschreiben, wie Kinder denkend, sprechend
und handelnd unerwarteten Naturphänomenen begegnen, die sie betroffen
machen. 1962, 1966 und dann 1973 veröffentlichte er diese Geschichten
unter dem Titel "Kinder auf dem Wege zur Physik" und resümierte zehn
Jahre später: "Die Vorzeichen erwachender Wissenschaft sind unverkennbar."
(1989b, S. 104)
Wagenschein beschreibt die Beunruhigung,
Besorgnis oder Freude, die sich im Gesicht des Kindes zeigt, das nun den
Zugang zu einem Problem gefunden hat. Sie signalisiert einen fruchtbaren
Moment für die produktive Auseinandersetzung; diese vollzieht sich
in ihren wechselnden Phasen des verschärften Beobachtens, Vergleichens,
Vermutens und - wo die Sache dem Handeln zugänglich ist - des Wiederholens
und planmäßigen Veränderns. Wagenschein sieht diese zunehmende
Methodisierung des spontanen Erkundens getrieben und getragen von der Hoffnung,
dass man "dahinterkomme", dass das Absonderliche "eingeholt" werden könne
in das Gewohnte, zurückgeführt auf Bekanntes. Ziel des Nachforschens
ist allemal das Verstehen. Verstehen ist zunächst ein Entdecken und
Erfassen von Ähnlichkeiten und Zusammenhängen, ein Herstellen
von Stimmigkeiten und ein erfolgreiches Einordnen in die eigene kognitive
Struktur; es schafft die Verbindung zwischen dem zunächst merkwürdig
Erscheinenden, Sonderbaren und dem schon Bekannten, Geläufigen.
Die Schule muss diese spontanen Auseinandersetzungen
der Kinder mit den Naturphänomenen aufgreifen, unterstützen und
weiterführen. Wir sollen dabei nicht an die "fertige Physik" denken,
sondern an die "werdende". Man bemerkt dann "wie die schädliche Alternative
'Von der Sache aus oder vom Kinde aus' sich auflöst und zusammenschmilzt
zu dem Prinzip: Mit dem Kinde von der Sache aus, die für das Kind
die Sache ist." (Wagenschein 1990, S. 1])
4. Das Elementare, das
Fundamentale und das Moment der Bildung
Genetisch-sokratisch-exemplarischer Unterricht
ist ein Unterricht der Auswahl, der Konzentration, des Gesprächs und
der vertiefenden Gründlichkeit. Geleitet ist dieser Unterricht von
den Zielen, die alle Stoffziele und Einzelthemen übergreifen.
Den Physikunterricht - und jeden Unterricht
- sieht Wagenschein als einen Bereich im "Garten des Menschlichen" (C.
F. v. Weizsäcker). Naturwissenschaft wird verstanden als eine "Form
menschlicher Sicht" und als "Strukturelement der heutigen geistigen Welt,
... ohne dessen bewusste Erfahrung es gar nicht möglich ist, ... ein
sich Bildender zu werden." (Wagenschein 1965, S. 123) Aber gerade als spezieller
Beitrag zur Menschenbildung muss ein Schulfach offen sein für den
geistigen Gesamtzusammenhang, in dem es steht. Inhaltlich kommt es auf
wenige Grundeinsichten an, die als elementar gelten können.
Unerlässliches Ziel jedes Fachunterrichts
ist für Wagenschein aber die Einsicht in den nur partiellen Zugriff
des Faches auf die Welt. Physik zeigt die Natur nicht "an sich" und im
ganzen, sondern unter einem bestimmten Aspekt nach Maßgabe der Methoden
des (quantitativen) Zugriffs. Naturwissenschaft ist als ein Teil des menschlichen
Geisteslebens zu verstehen, und nur wenn der Unterricht in diese philosophische
Dimension hineinreicht, nennt Wagenschein ihn bildend.
Darüber hinaus formuliert Wagenschein
acht Funktionsziele; ich nenne hier nur zwei. Die Lernenden sollen
(1) "erfahren, was es in der exakten Naturwissenschaft
heißt: verstehen, erklären, die Ursache finden." (1965, S. 233)
(2) "erfahren, wie man ein Experiment,
als eine Frage an die Natur, ausdenkt, ausführt, auswertet, und wie
man daraus die mathematische Funktion gewinnt." (1965, S. 255)
Gegenstand der Funktionsziele ist die
Physik als Wissenschaft und als Bezugspunkt wissenschafts- und erkenntnistheoretischer
Überlegungen. Die Funktionsziele lassen sich zusammenfassen in dem
Satz: Erfahren, was Physik ist.
Es geht über alle Stoffziele hinaus
- darum, die Schüler (auch schon in der Haupt- und Realschule) aufzuklären
über Wissenschaft und nicht nur durch Wissenschaft. Im Mittelpunkt
dieser Bemühungen steht freilich der Mensch, und die Einsichten, die
sich im Hinblick auf die Funktionsziele ergeben, müssen als entscheidender
Beitrag des Physikunterrichts zum Verständnis der geistigen Welt und
damit zur Menschenbildung gewertet werden, als Beitrag zu dem fächerübergreifenden
Funktionsziel: Erfahren, welche Stellung der Mensch in der Natur einnimmt.
(Vgl. dazu bes. 1965, S. 307)
5. Eine Konzeption für
morgen?
Ich bin überzeugt, dass die Frage
positiv beantwortet werden kann. Die Pädagogik Martin Wagenscheins
enthält alle wichtigen Momente moderner Schulpädagogik, und sie
vermeidet einige modische Fehler.
Wagenscheins leidenschaftliches Postulat
"Verstehen ist Menschenrecht" (1970, S. 175-179) ist gleichermaßen
Ergebnis pädagogischer Reflexion wie auch demokratischer Überzeugung.
Die konstruktive Aufnahme der Formen und
Inhalte kindlicher Welterkundung, der genetische Aufbau und die Konzentration
auf Wesentliches, die Verbindung von Freiheit gebender Offenheit und disziplinierter
Sachlichkeit gibt dem Unterricht die wünschenswerte Qualität
und der Schule die nötige Rechtfertigung, einer Schule, die Teil des
Lebens der Kinder und Jugendlichen ist, die sich aber abhebt von dem, was
Alltagswelt und Medien funktional auch leisten.
_______
Fußnoten:
1 Lebenslauf
und Bibliographie Wagenscheins sind veröffentlicht in chimica didactica,
22 (1996) 3, S. 244 ff. und S. 250 ff.
2 Das exemplarische
Lemen steht in enger Beziehung zu allen aktivitätsbetonten, die Kreativität
der Lernenden fördernden und fordernden Lernformen, zum Beispiel zum
Projektunterricht, aber alle diese Lernformen und entsprechenden
Lehrmethoden
unterliegen im Sinne des
Exemplarischen auch dem Kriterium der Sachbezogenheit, nämlich dass
sie zur Aneignung grundlegender Einsichten und Fähigkeiten führen.
Vgl. dazu Klafki 1985, bes. S. 94.
3 Wagenschein
1989a; Roth 1960. Das Ordnen und das Herstellen von Zusammenhängen
gehört zu jenen curricularen Notwendigkeiten, die auch bei weitgehend
offener Unterrichtsgestaltung nicht vernachlässigt werden dürfen.
Vgl. dazu I.auterbach u.a.: 1992
4 Ein Phänomen
ist ein (vielleicht unerwartetes) Ereignis, dessen Ursache und Zusammenhang
den Kindern frag-würdig ist und einer Erklärung bedürftig
erscheint.
Buch bei Amazon bestellen:
Köhnlein:
Der Vorrang des Verstehens, Klinkhardt 1998
Internet-Links:
Wagenschein-Internetforum
Literatur
Dewey, John: Demokratie und Erziehung.
Braunschweig u.a.: Westermann 1964
Eisenhauer, Hannelore; Kohl, Klaus: Martin
Wagenschein: ein tabellarischer Lebenslauf. In: chimica didactica, 22 (1996)
3 (Nr.73), S. 244-249
Eisenhauer, Hannelore; Köhnlein,
Walter; Kohl, Klaus: Martin Wagenschein: vollständige Bibliographie.
In: chimica didactica, 22 (1996) 3 (Nr.73), S. 250-271
Klafki Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie
und Didaktik. Weinheim und Basel: Beltz 1985
Köhnlein, Walter: Leitende Prinzipien
und Curriculum des Sachunterrichts. In: E. Glumpler; S. Wittkowske (Hrsg.):
Sachunterricht heute. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1996, S. 46-76
Köhnlein, Walter: Martin Wagenschein:
Lern-Episoden und didaktische Leitvorstellungen - eine Laudatio. In: chimica
didactica, 22 (1996) 3 (Nr.73), S. 231-242
Lauterbach, Roland; Köhnlein, Walter;
Spreckelsen, Kay; Klewitz, Elard (Hrsg.): Wege des Ordnens (= Probleme
und Perspektiven des Sachunterrichts, Bd. 2). Kiel: IPN und GDSU 1992
Roth, Heinrich: Pädagogische Psychologie
des Lehrens und Lernens. Hannover u.a.: Schroedel 1960
Wagenschein, Martin: Ursprüngliches
Verstehen und exaktes Denken. Bd. I. Stuttgart: Klett 1965, 1970
Wagenschein, Martin: Ursprüngliches
Verstehen und exaktes Denken. Bd. II. Stuttgart: Klett 1970
Wagenschein, Martin: Naturphänomene
sehen und verstehen. Hrsgeg. von H. Chr. Berg. Stuttgart: Klett 1980
Wagenschein, Martin: Verstehen lehren.
Weinheim und Berlin: Beltz 1968, s1989 (a)
Wagenschein, Martin: Erinnerungen für
morgen. Eine pädagogische Autobiographie. Weinheim und Basel: Beltz,
1983, 1989 (b)
Wagenschein, Martin: Kinder auf dem Wege
zur Physik. Neuausgabe Weinheim und Basel: Beltz 1990
Wittenberg, Alexander I.: Bildung und
Mathematik. Stuttgart: Klett 1963
Weizsäcker, Carl F. v.: Der Garten
des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie. München
und Wien: Hanser 1977
| Copyright: Mit freundlicher Genehmigung von W. Köhnlein |