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Die Pädagogik Martin Wagenscheins
W. Köhnlein, Der Vorrang des Verstehens, Julius Klinkhardt, 1998
Buchempfehlung von Thomas Seilnacht
 
 
 Martin Wagenschein

Portrait Martin Wagenschein
mit freundlicher Genehmigung Christoph Raebiger  
 

Biographie Martin Wagenscheins

Walter Köhnlein hat in dem von ihm als Herausgeber veröffentlichten Buch "Der Vorrang des Verstehens" in dem Einführungstext "Einführende Bemerkungen zum Leben und Werk Martin Wagenscheins" (S. 9-17) die Pädagogik Martin Wagenscheins und seine Unterrichtsprinzipien zusammengefasst. Das Buch ermöglicht einen tiefergehenden Einblick in die Gedankenwelt Martin Wagenscheins und auch die Texte der anderen Autoren sind sehr lesenwert. Wer war Martin Wagenschein und was waren seine grundlegenden Intentionen?

Martin Wagenschein wurde am 3. Dezember 1896 in Gießen geboren. Seine Kindheit verbrachte Wagenschein bei einer Dampfziegelei, die von seinem Vater geleitet wurde:

"Eine Heimat mit viel Himmel, mancherlei Wetter und ausgeprägten Horizonten. Im Osten hinter vertrauten Eisenbahngeleisen weite Wiesen vor hügeligem Wald. Über ihm ging der Mond auf. Die Mutter verstand sich auf sein Kommen und Gehen, sein Wachsen und Schwinden. Gegenüber, westlich, die ungeheure tiefe weiße Tongrube, in großartigen Stufen abfallend zum Grundwasser mit Kaulquappen und Schilfkolben, Eisbahn im Winter; noch eine Spiel- und Forschungslandschaft. Dahinter aber, ansteigend, die Heimat der vielen grauen Westwinde, feindlich anmutende Vorzeichen eines düsteren, wühlenden Braunkohlen-Bergwerkes. Dorthin ging ich niemals." (Köhnlein zitiert Wagenschein 1989b, S. 11 f.)

In den Jahren 1914 bis 1920 studierte Wagenschein in Gießen und in Freiburg im Breisgau Mathematik, Physik und Geographie. Seine Promotion erfolgte im Jahr 1921 in Experimentalphysik. Einen besonderen Einfluss auf sein Lebenswerk hatte seine Frau Wera Biemer und die zehnjährige Tätigkeit an der Odenwaldschule unter der Leitung von Paul Geheeb.
 
"Die Odenwaldschule hatte meinen Lebensweg im Pädagogischen verwurzelt. Dass ich dann, auch später, ohne sie und bis heute, die Fühlung mit dem anfänglichen Denken auch der jungen Kinder nicht verlor, verdanke ich einem zweiten und nicht geringeren Einfluss, dem meiner Frau" (Zitat Köhnlein aus Wagenschein 1980, S. 86), als der "Bewahrerin und Hüterin kindlichen Denkens, die mit verstehender und prüfender Hilfe meine Arbeit seit Jahrzehnten begleitet." (Köhnlein zitiert Wagenschein 1965, S. 5)
 
1949 ging Wagenschein an das Pädagogische Institut in Jugenheim/Bergstraße und erhielt einen Lehrauftrag für "Naturwissenschaftliche Erkenntnispsychologie". Nach der Verlegung des Instituts im Jahre 1963 nach Frankfurt an die Hochschule für Erziehungswissenschaften, unterrichtete dort Wagenschein bis zum Jahr 1972. Gleichzeitig hatte er einen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Darmstadt (ab 1950) und erhielt 1956 eine Berufung als Honorarprofessor der Universität Tübingen. Martin Wagenschein starb am 3. April 1988.Wagenschein stand in Kontakt mit anderen Pädagogen wie Otto Friedrich Bollnow, Wilhelm und Andreas Flitner, Eduard Spranger, Theodor Lift, Hermann Nohl, Wolfgang Metzger. Am "Tübinger Gesprächs" im Jahr 1951 war Wagenschein beteiligt, daran teil nahmen neben einigen Pädagogen auch Carl Friedrich von Weizsäcker und Walter Gerlach. Es liegen etwa 220 Veröffentlichungen von Martin Wagenschein vor.


Walter Köhnlein über Martin Wagenschein

Interessant ist wie Walter Köhnlein Wagenschein in seinem Buch einführt. Die Ausgangsfrage zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Buch (und die Pädagogik Wagenscheins):
 
"Im Zentrum des Interesses von Wagenschein stand die spontane sowie die unterrichtlich angeleitete Auseinandersetzung von jungen Menschen mit den Erscheinungen der physischen Welt. Dieses Interesse ist einerseits ein epistemisches: Wie bewältigen Kinder von sich aus Phänomene, die ihnen auffallen, wie bauen sie Wissen auf, gewinnen Erfahrungen, und wie versuchen sie schließlich, sich die Sachverhalte verstehend zu eigen zu machen?" (Köhnlein, S. 9)
 
In Wagenscheins Pädagogik des Verstehens existieren nach Köhnlein fundamentale Unterrichtsprinzipien. Ob eine solche Kategorisierung Martin Wagenschein gerecht wird, kann kritisch hinterfragt werden. Problematisch wird es dann, wenn ein solches "Unterrichtsprinzip" verabsolutiert wird. Doch so weit geht Köhnlein nicht. Zum "Exemplarischen Prinzip" schreibt er beispielsweise:

Wagenschein "forderte eine 'neue Art des Lehrens und Lernens' und machte nachdrücklich auf ein Prinzip aufmerksam, das den Vorrang des Verstehens vor aller Wissensanhäufung sowie die Konzentration des Unterrichts auf das an Beispielen grundlegend erfahrbare Wesentliche verlangt, also auf die entscheidenden Gesichtspunkte, Strukturen, Kategorien und Methoden (...)
Das Exemplarische verlangt eine sorgfältige thematische Auslese solcher Beispiele, die ergiebig sind nach den Prinzipien von Kindgemäßheit und Sachgemäßheit, d. h. die motivierend, aber auch lohnend sind für eine produktive Auseinandersetzung der Kinder mit Phänomenen und Problemen, die sie entdecken und bewältigen können. Das Prinzip erfordert vertiefende Gründlichkeit in den Kernpunkten, auf die es verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrern ankommen muss." (Köhnlein, S. 12 ff.)

Nach Köhnlein ist dieses Prinzip für die persönliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern von Bedeutung, da man an den ausgewählten Beispielen fundamentale Zusammenhänge erlernen kann, das Beispiel wird zum "Spiegel des Ganzen" (Wagenschein).

 
Das zweite grundlegende Prinzip, das "Genetische Prinzip", ist nach Köhnlein eng mit dem "Exemplarischen Prinzip" verbunden:

"Als genetisch bezeichnet man ein Unterrichtsverfahren, das die Erfahrungen, Vorkenntnisse und Überlegungen der Lernenden konstruktiv aufnimmt und zusammen mit ihnen Wege des Entdeckens sucht, um gemeinsam zu gesichertem und verstandenem Wissen zu kommen (...) Das genetische Prinzip bezieht sich also auf eine spezifische Lehrweise in exemplarischen Unterrichtseinheiten, und es bezieht sich auf den Aufbau des Curriculums: Es muss ein für die Kinder verständliches Fortschreiten in den Inhalten des Unterrichts und für die Herstellung von Zusammenhängen geben." (Köhnlein, S. 14 ff)

An dieser Interpretation Köhnleins kann kritisiert werden, dass nicht nur ein systematisches Curriculum genetisches Lernen im Sinne Wagenscheins ermöglicht, auch ein projektorientierter Unterricht kann derartige Lernprozesse auslösen. Dies habe ich beispielsweise in meinem Farbenprojekt aufgezeigt. Entscheidend ist dabei aber vielmehr die Frage, in wieweit die Schülerinnen und Schüler zu einem Prozess des "Werdens" und Verstehens geführt werden. Köhnlein bemerkt dazu:

"Der Sinn des genetischen Unterrichts besteht also darin, dass er es den Kindern (und Jugendlichen) ermöglicht, einen Gegenstandsbereich produktiv zu bewältigen, d. h. grundlegende Ideen und Strukturen durch eigene Aktivitäten hervorzubringen und zu prüfen, insbesondere im Handeln und im kommunikativen Austausch."

 
Martin Wagenschein führte die Beschäftigung mit dem genetischen Lernen zu der Frage, wie Kinder Naturphänomenen begegnen. Das Ergebnis dieser Arbeit veröffentlichte er in dem Buch "Kinder auf dem Wege zur Physik". In dem Buch "Verstehen lehren, Genetisch - sokratisch - exemplarisch" führt Wagenschein seine Ideen konsequent weiter. "Genetisch-sokratisch-exemplarischer Unterricht ist ein Unterricht der Auswahl, der Konzentration, des Gesprächs und der vertiefenden Gründlichkeit..." (Koehnlein, S. 16)
 
Dass die Pädagogik Martin Wagenscheins auch heute noch aktuell ist und die Lebenswelt der Jugendlichen mit einbezieht, verdeutlicht der Abschluss aus Walter Köhnleins Text: "Die konstruktive Aufnahme der Formen und Inhalte kindlicher Welterkundung, der genetische Aufbau und die Konzentration auf Wesentliches, die Verbindung von Freiheit gebender Offenheit und disziplinierter Sachlichkeit gibt dem Unterricht die wünschenswerte Qualität und der Schule die nötige Rechtfertigung, einer Schule, die Teil des Lebens der Kinder und Jugendlichen ist, die sich aber abhebt von dem, was Alltagswelt und Medien funktional auch leisten." (Köhnlein, S. 17) 

Buchtipp: Walter Köhnlein: Der Vorrang des Verstehens, Klinkhardt 1998
 
 
Martin Wagenschein, ausgewählte Literatur

Wagenschein, Martin: Ursprüngliches Verstehen und exaktes Denken. Bd. I. Stuttgart: Klett 1965, 1970
Wagenschein, Martin: Ursprüngliches Verstehen und exaktes Denken. Bd. II. Stuttgart: Klett 1970
Wagenschein, Martin: Naturphänomene sehen und verstehen. Hrsgeg. von H. Chr. Berg. Stuttgart: Klett 1980
Wagenschein, Martin: Verstehen lehren. Weinheim und Berlin: Beltz 1968, s1989 (a)
Wagenschein, Martin: Erinnerungen für morgen. Eine pädagogische Autobiographie. Weinheim und Basel: Beltz, 1983, 1989 (b)
Wagenschein, Martin: Kinder auf dem Wege zur Physik. Neuausgabe Weinheim und Basel: Beltz 1990
 
 
Zitate mit freundlicher Genehmigung W. Köhnlein