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Die neun Kernthesen
einer Sanften Chemie
von Dr. Hermann Fischer
erschienen in „Plädoyer für
eine Sanfte Chemie“,
C. F. Müller Verlag Karlsruhe,
1993, S. 21-24
These
1: Analyse der gesamten Produktbiografien
Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer
Sanften Chemie ergibt sich aus der kritischen Untersuchung der real existierenden
Chemie in ihrer Theorie, Forschung, Produktentwicklung und technologischen
Praxis im Hinblick auf deren pädagogische, philosophische, ästhetische,
toxikologische, ökologische, ökonomische und soziale Grundlagen
und lokale wie globale Auswirkungen.
Dabei werden die verwendeten Verfahrenstechniken,
Umwandlungsprozesse, Energie- und Stoffströme (prozessualer Aspekt)
mindestens gleichrangig bewertet wie die eingesetzten und resultierenden
Substanzen (stofflicher Aspekt). Sanfte Chemie entsteht folglich nicht
allein aus einer angestrebten Alternative zu den real existierenden Chemikalien
und Produkten mit deren toxikologischen und ökotoxikologischen Zahlenwerten
(MAK, ADI, LD50, LC50, WGK etc.), sondern noch mehr aus einer ganzheitlichen
Sichtweise der gesamten Biografie, den Prozessketten und Produktlinien
der betreffenden Produkte. Dieser prozessuale Aspekt setzt bei den primären
Rohstoffen an, betrachtet alle Zwischenschritte der Produktion, das Produkt
selbst - und zwar vor, während und nach dem Gebrauch - sowie die Schritte
bis zur Entstehung der letzten Zersetzungsprodukte und deren Verbleib in
der Umwelt.
These
2: Stoffbildungsprozesse der Natur als Vorbild
Sanfte Chemie ist die Chemie auf der Grundlage
der Stoffbildungsprozesse der Natur. Sie nutzt die Syntheseprinzipien,
die sich im Verlauf der Evolution als langfristig bewährt entwickelt
und durchgesetzt haben. Sie geht von der Überzeugung aus, dass die
Herausbildung dieser Prinzipien - vor allem der Photosynthese - im evolutionären
Wettbewerb die beste Garantie dafür darstellt, dass auf dieser Grundlage
auch auf lange Sicht der stoffliche Bedarf der Menschheit und ihrer pflanzlichen
und tierischen Mitwelt ohne Beeinträchtigungen von Umwelt und Gesundheit
gedeckt werden kann.
These
3: Nutzung von Vielfalt und Komplexität
Sanfte Chemie geht von der Überzeugung
aus, dass die enorme, noch nicht einmal voll übersehbare Vielfalt
der aus Naturprozessen entstandenen Stoffe sowie die beeindruckende stoffliche
Komplexität vieler dieser Naturstoffe bei intensiver Anwendungsforschung
vielleicht nicht alle, aber doch alle wesentlichen stofflichen und auch
viele energetische Grundbedürfnisse des menschlichen Lebens ohne einschneidende
Einschränkungen an Lebensqualität zu befriedigen vermag. Eine
solche Anwendungsforschung ist leider mit dem Aufkommen der organisch-chemischen
Synthese Mitte des vergangenen Jahrhunderts weitgehend abgebrochen worden
und sollte durch den neuen Impuls für eine Sanfte Chemie einen Neuanstoß
erfahren.
These
4: Die Gewalt gegen die Stoffe wirkt auf uns zurück
Die Grundkonzeption einer Sanften Chemie
orientiert sich an der These, dass die gewaltsamen Einwirkungen, die bei
den Produktionsstrategien der Harten Chemie den gewählten Ausgangsstoffen
zwangsweise auferlegt werden, nicht ohne Wirkung in den Stoffen selbst
bleiben. Je gewaltsamer diese Erzwingung bestimmter Reaktionsabläufe
erfolgt, um so größer ist das Risiko, dass die so erzeugten
Stoffe die ihnen auferlegte Gewalt weiter in sich tragen und - im Sinne
einer reziproken Wirkungsbeziehung - auf die Lebenswelt über kurz
oder lang gewaltsam zurückwirken. Viele negative Phänomene im
Zusammenhang mit der zunehmenden Chemisierung unserer Welt können
mit einer solchen Arbeitshypothese eher verstanden und neu bewertet werden.
Damit wird deutlich, dass das Konzept der „Gewaltsamkeit“ und ihres Zurückwirkens
im Sinn eines heuristischen Prinzips nicht als eine metaphysische, in den
Stoffen nicht verifizierbare Qualität zu verstehen ist. Die damit
verbundenen Überlegungen, die eine Zurückhaltung und Behutsamkeit
im menschlichen Handeln nicht nur gegenüber der Mitmenschheit, der
Tier- und Pflanzenwelt fordert, sondern auch gegenüber der unbelebten
Welt der chemischen Stoffe, gehört dennoch zu den Ideen, die von den
in heutiger naturwissenschaftlicher Denkweise geprägten Fachleuten
am schwierigsten nachzuvollziehen sein werden. Und doch ist die Begründung
der Sanften Chemie ohne eine neu zu gewinnende Ethik auch gegenüber
dem Umgang mit der unbelebten Welt unvollständig.
These
5: Eingriff in Naturstrukturen vermeiden
Im Hinblick auf die eingespielte und erprobte
Perfektion, mit welcher Aufbau komplexer Strukturen in der Natur vor sich
geht, will sich die Praxis der Sanften Chemie nach Möglichkeit jedes
tiefwirkenden Eingriffs in die so gebildeten stofflichen Strukturen enthalten;
sie geht von der Überzeugung aus, dass ein solcher Eingriff in die
molekulare Integrität je nach Art und Umfang allein aufgrund des Energieaufwandes,
möglicher Nebenreaktionen, vermehrter Abfallbildung usw. die durch
die ursprüngliche Natursynthese gegebenen ökologischen Vorteile
zu einem erheblichen Teil wieder aufheben wird. Ziel der Sanften Chemie
sollte daher allenfalls eine vorsichtige Abwandlung der gegebenen Molekülstrukturen
mit einem Minimum an Anlagen- und Energieaufwand sein. Die Vielfalt und
Reichhaltigkeit der Substanzen aus den natürlichen Produktionsprozessen
legt statt einer starken Abwandlung vielmehr die Suche nach anderen natürlichen,
für den Einsatzzweck besser passenden Naturstoffen nahe.
These
6: Die Nutzung der Sonnenenergie als optimale Quelle
Das Konzept der Sanften Chemie orientiert
sich an den Naturprozessen auch deshalb, weil diese als wesentliche Energiequelle
eine Quelle außerhalb des eigenen globalen Systems nutzt: Sonnenenergie.
Im Vergleich zu den chemischen Prozessen in den Industrieretorten kommt
damit die zur Strukturbildung notwendige Energie nicht aus Quellen, die
durch die Erzeugung der Energie und die damit unweigerlich verbundene enorme
Vermehrung von Entropie (strukturelle Unordnung) wieder selbst in erheblicher
Weise zur Umweltbeeinträchtigung und Klimaveränderung beitragen.
These
7: Nutzung einer Pflanzen-Chemie ohne Störfälle
Die Idee einer Sanften Chemie wird getragen
von der jedem bekannten und einleuchtenden Tatsache, dass es im Zusammenhang
mit dem Stoffaufbau durch Naturprozesse keinesfalls zu den Störfällen
kommen kann, die in den großen Chemiebetrieben beinahe zum üblen
Alltag geworden sind. Der extremste Störfall im Pflanzenbereich ist
der vollständige Ernteausfall. Dieser hat wohl ökonomische Auswirkungen,
versperrt jedoch in keinem Fall die Möglichkeiten, im nachfolgenden
Anbauzyklus ohne Beeinträchtigung wieder Stoffproduktion vorzunehmen.
Der extremste Störfall im Bereich der chemischen Synthese besteht
jedoch in der großflächigen Verseuchung nicht nur des Produktionsbetriebs
selbst, sondern auch seiner näheren und weiteren Nachbarschaft. Neuere
Untersuchungen zeigen, dass allein durch das mögliche Entweichen eines
unvermeidlichen Schlüsselreagens für einen der bedeutendsten
Massenkunststoffe (Phosgen für die Herstellung von Polyurethanen)
schwere Vergiftungen und Zehntausende von Todesfällen noch im Abstand
von 50 bis 100 km vom eigentlichen Fabrikstandort durchaus realistisch
sind. Die schweren Störfälle in Bhopal, Seveso, Schweizerhalle
und Frankfurt sind die traurigen Beweise, dass es sich dabei nicht bloß
um theoretische Möglichkeiten handelt. Es kommt hinzu, dass bei der
Betrachtung dieser massiven Störfälle die täglichen „normalen“
Emissionen aus solchen Anlagen noch nicht berücksichtigt sind.
These
8: Sondermüll kann vermieden werden
Auch unter dem Gesichtspunkt der Abfallbildung
sind die Naturprozesse, wie sie die Sanfte Chemie nutzen und einsetzen
will, den Syntheseprozessen der chemischen Industrie in qualitativer (Art
der Abfälle) und quantitativer Hinsicht (Menge der Abfälle) so
haushoch überlegen, dass ein direkter Vergleich fast unfair erscheint.
Während die Abfallprodukte der pflanzlichen Produktion in Gestalt
von Sauerstoff und kompostierbaren Pflanzenteilen direkt zur Aufrechterhaltung
des stofflichen Kreislaufes beitragen, sind die Abfälle der chemischen
Industrie in der Regel mehr oder weniger problematischer Sondermüll.
These
9: Die Sanfte Chemie schließt Stoffkreisläufe
Die Überlegungen zu einer Sanften
Chemie stützen sich nicht zuletzt auf die schlichte Tatsache, dass
in einer endlichen Welt die gängigen Produktionsverfahren ohne wirklichen
stofflichen Kreisschluss keine Zukunft haben werden: In bald absehbarer
Zukunft werden die bislang genutzten fossilen Ressourcen als Quellen aufgezehrt
sein, während andererseits auch die zur Verfügung stehenden Deponierungsmöglichkeiten
für die unvermeidlichen Abfall- und Reststoffe chemischer Produktion
als stoffliche Senken ausgeschöpft sein werden.
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