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Gedichte von Lutz Schoerdling
* 25.09.1938
 
sein   

dem leib trauen   
ohne atem   
kopflos los   
ich blatt   
trage mich   
übe auf dem wind   
mein spiel   
bette mich   
in hohen lüften   
suche himmel   
körperlos gelöst   
ich tanze mich   
so licht 
 

 

die Wurzeln   
   
aufnehmen   
als ein baum   
schreiten   
bruder   
nach licht   
andernorts   
finden   
eine kopfweide   
steht auf hohlem bein   
geschwisterlich   
im scharfen wind   
ankommen  
 

 

metamorphose 
  
weil ich über das wasser 
gehen kann 
federleicht 
mit allem balast 
  
kraft meines ewigen kreisens 
steige ich 
sinkend befreit 
ins licht 
  
wissend 
nur 
meinen schatten 
gebe ich 
hin
fundstück 
  
mein tagebuch 
ein tagebau 
voll abraum 
taub 
so viel gestein 
  
schwierig 
zwischen allen worten 
allem irren 
einen weg 
zu finden 
  
ein kind 
baut oben auf 
im rauhen wind 
so ganz für sich 
ein haus 
und lässt es lachend 
stürzen 
erschrocken fliegt 
ein vogel auf 
  
mir rollt ein kiesel 
   - herzstein? 
vor die füße 
  
dankbar hebe 
ich ihn auf
 
der 23.psalm  
am 11.sept.2001 

den augen nicht trauen  
der HERR ist doch hirte  
uns würde nichts mangeln  
aber die stimmen, entsetzen  
im mund, nicht  
verweigern können  
- kamera läuft  
flieger werden geschosse, 
wo ER uns weiden sollte  
friedlich auf grüner aue  
feuerball sekundentod, kein  
tisch gedeckt  
angesichts unserer feinde  
die unheile ernte  

heroisch  
jene und wir -  
begraben  
- vereint  

ER hat gegeben  
wir nehmen  
den größeren teil  

der name  
des HERRN  
bleibt uns  
fremd 

 
 
georg landerer 
     nach peter härtling / das windrad 

sein weg ist ein mäander 
das reisen rutscht zusammen 
zu städten häusern menschen 
und gefühlen 
es macht angst und  
das getümmel wächst 
zu menschlichen barrieren 

tauben fliegen auf 
wenn er beide hände hebt 
rücklings unterm fenster stehn 
worte wogen 
und es klappert hell geschirr 
wärme streift den nacken 

er wusste glück 
das vor der sprache lag 
trat unversehens auf die lippen 
zerstritten dann im schweigen 
erfuhr er seine kurze dauer 
in der brust dies stumme seufzen 

schon in herbst gehüllt  
vergessen 
den sommer zu genießen 
stets voraus den schatten  
eines schmerzes 
entzog sich wie von selbst 
was so unendlich wichtig schien 

er folgte dem mäander 
um sich im scheitelpunkt 
aufs neue zu verweigern 
  
  
  
  
 

ich 
roman  

in einem roman leben 
den seiten folgen 
den wegen  
sich verzweigend 
ohne wahl 

wer mich schreibt 
frage ich 
tauchte lieber 
in den morgendunst 
meine herkunft  
zu verschleiern 

beschreibung betoniert 
mir den hals 
dem druck der worte 
entlaufe ich geduckt 
gegen die erstarrung 

die zeit, meine zeit 
stadtplan ohne namen 
straßenschilder ausgewischt 
gassen werfen treppen auf 
stoßen türen ins gemäuer 
verfallen willig 
ihrem labyrinth 

bahnhof ohne räder 
eisen ächzt 
rostig überwuchert 
stunden fliehn 
dem uhrgehäuse 

wünsche: 
den bizarren stern 
wegwartenblau 
am rande des asphalts 
und ein leeres blatt

 
 
kommunizieren 
  
es sind die finger, die flinken 
sie strecken sich frei 
verwehren dem handy 
geschwätz, - stille 
wortlos freier raum 
  
doch hämisch, - hinten 
schrillt ein stakkato 
- oder bin ich nur 
über-r-r-r-r-reizt?! 
  
es ist der kopf 
ein ballon, in den 
schraubstock gepresst 
auch leere hat gewicht 
  
es sind die hände 
die ruhen, der bildschirm 
schont sich schon selbst 
noch pulst das blut 
in den fingern, immer auf jagd 
nach dem coolen text 
in die tasten zu versenken 
  
worte markieren 
geschickt verschickt 
werkzeug und waffen 
das wollen und wagen 
das schmeicheln und heucheln 
   
das lieben und lügen 
das geben und nehmen 
sie fordern und drohen 
verachten und spotten 
sie jubeln 
- verdammen 
  
hallo, hände, 
ihr und ich 
mit narben und schrammen 
wir sind älter geworden 
innen ein netz 
von linien und brüchen 
zerklüftet, zerrissen 
skizziert es die zeit 
  
hände, - habt ihr ein herz 
haltet den kopf 
manches schmerzt 
weil -, heute 
heute, seht ihr so 
reingewaschen aus 
  
kommt, lasst uns schweigen 
auge in auge 
nur so - 
autistisch 

ich - 
ein kosmos 
stumm 
ein innen-ich 
stereotyp 

du - 
metapher 
unbesetzt 
-sprechen  
ein geräusch 
ohne widerhall 

du - 
bist nicht  
bist außen 
wir haben  
kein wir 
-sprachlos  
die interaktion 

du und ich - 
alltäglich 
muster 
lernen 
-vielleicht 

  
 
 

 
 
wege II 

hinter mir  
den erwachsenen schuhen  
an die sohlen geheftet 
die sprunghafte zeit 

tagreste, nachtstücke 
unzensiert durch 
das festschreibende gedächtnis 
beschworen, kreisen sie über dem brachland des erinnerns, überlassen 
der bedürftigkeit 
dem gesternglauben 

gelebt 
verziehen

 
 
ch - shimamoto / nach Murakami:
                  Gefährliche Geliebte

wollte ich erschaffen werden
tauchte lieber in den morgendunst
meine herkunft zu verschleiern
nicht den manuskripten folgen
wege, zu verworren, ohne wahl

bin ich die, die ich bin
wie viele seiten kommen noch
nur durch die kapitel fliehn
außer atem, durch die zeit

dem druck der worte 
sich verweigern
die beschreibung
schnürt den atem
nimmt die stimme

da, männermenschen
lustgefühle, stöhnen
ihren samengüssen 
schlafe ich, wie ein schatten bei
liebe machen, macht mich leer

wo ist jenes junge lieben
jetzt gestaltlos, unbehaust
verwirrend in den zeilen
-kindesasche, in den fluss
-trauer-

trostlos, nähme ich mir 
jetzt den tod -
erbitte korrekturen
leere, weiße blätter
-leben... 

 
 
sprachlos

es ist zeit
zu verstummen
die gebete verbraucht
leer, die worte im raum

die wasser fraßen das land
zerschlugen den gläubigen trost
unschuldig blau 
wieder der himmel

zu menschlich erweist sich
der \"wo-warst-du-gott\"
auch pompeji ging unter

geben wir hin
was uns genommen
lernen wir lieben
uns, unser nächstes

in allem sein
keimt auch ein tod
bereitet sich ein
\"stirb-und-werde\"

 
 
(Lutz Schördling)